Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1927-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1927) · p. Seite 213

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1927)
Date
1927-05-01
Page
Seite 213 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2292929-2293050-2293053--08996-2302279
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zum Wesen der jüdischen Aesthetik 213 auf den räumlichen Eindruck eines Objektes in Hingebung zu konzentrieren. Er ist gedrängt, einen neuen Eindruck zu erstreben, der, wenn nicht ethischer, so doch zumindest utilaristi8ch־wertvoller Natur ist. Ist er im ästhetischen Verhalten geübt, so wird er die Ablenkung überwinden können, ist er aber von der jüdisch-ethischen Gedankenrichtung beherrscht, so wird der leidenschaftliche Trieb, sich vom Augenblick zu emanzipieren und geistigen Denkobjekten zuzuwenden, stark genug sein, um eine intensive Einfühlung unmöglich zu machen. Dieser Mangel an Einfühlungsvermögen1) wirkt sich aber bloss in der Beziehung zur bildenden Kunst hemmend aus. In der Tonkunst und Dichtung spielt das Moment der Einfühlung eine weit bescheidenere Rolle. Zwar ist das Wortbild und das Tongemälde auch ein Objekt, das ausserhalb des Ichs besteht, in das sich der Geist einfühlen kann. Für das menschliche Empfinden ist aber der materiale Objektcharakter des Gehörten geringer als der des Geschauten2), wenn auch beide Sinnes- Objekte, physiologisch betrachtet, gleichen Wesens sind. Wenn ich ein Lied höre, brauche ich mich weniger in den Stoff und in die Klangfarbe des Gehörten hineinzuversetzen, sondern, umgekehrt, die Töne singen sich förmlich in mein Inneres ein. Nicht: ich fühle mich in das Tonbild ein, sondern: ich* fühle unmittelbar beim zauberhaften Klang, der mich gefällig in meinem Innern aufspürt. Es wird also nicht von mir verlangt, mich auf das Tonwerk zu konzentrieren. Es überfällt mich und lässt mich in musikalischer Erregung Gefühle erleben. Aber selbst die tatsächliche Einfühlung in das musikalische Gehörsobjekt zeigt einen wesentlichen Unterschied von der Einfühlung in Gegenstände der bildenden Kunst. Es handelt sich auch hierbei weniger um objektive Einfühlung als um ein subjektiv-betontes Zusammenklingen eigenen Erlebens mit dem gegebenen Toncharakter3). 1) Die Annahme, dass der Jude demnach die Objekte der Kunst ohne Einfühlung betrachtet, sofern er sie betrachtet, kann als durchaus möglich gedacht werden. So behauptet auch Worringer, dass z. B. die Aegypter ihren Plastiken ohne Einfühlung gegenüber standen. 2) Vgl. Volkelt, »Das ä. Bewusstsein“, S. 59. *) Ebenda.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.