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Jeschurun · 1927-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1927) · p. Seite 212

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1927)
Date
1927-05-01
Page
Seite 212 (sequence 6)
Language
German
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212 Zum Wesen der jüdischen Aesthetik Harmonie auszuprägen. Er hat ein ungemein hohes Plus von Willenskraft nötig, um sich einem objektiven Kunstwerk hinzugehen. Dafür ist aber nicht etwa das Temperament verantwörtlich zu machen. Denn es gibt Völker mit rascherem Temperament und gleichwohl leichterer Kontemplationsbegabung. Die Ursache liegt in der Wesensart der jüdischen Denkform begründet. Im Laufe der Geschichte wuchs der Jude immer bewusster in seine ethische Lebensidee hinein. Sein Geist konzentrierte sich immer schärfer auf die sittliche Aufgabe und konnte daher — schon rein psychologisch notwendig — der stofflichen Welt, die ihn umgab, keine tiefversunkene Hingabe mehr spenden. Je mehr das jüdische Volk sich von der Scholle trennte und auf Vergeistigung hingewiesen war, umso stärker löste sich das Denken des Juden von der Dimension des Räumlich-Gegenwärtigen und wandte sich dem Zeitlich-Zukünftigen zu. Sein Denken begnügt sich nicht mehr mit Objekten einer fertigen Wirklichkeit, sondern erstrebt Schauobjekte geistiger Natur. Der sinnliche Eindruck fesselt die Seele nicht mehr. Das Denken drängt nach geistiger Erkenntnis und sittlicher Vertiefung. Das Gefühl soll sich nicht vom Augenblick bestricken lassen, sich nicht dem Genuss des Seienden, Fertigen hingeben. Das ungeheure Streben, dem sittlichen Ideal nahezukommen, treibt es aus dem Bannkreis der unvollkommenen Gegenwart. Kein Stehenbleiben in geniessender Schau, ein unermüdlich zielbewusstes Weiterstreben, Weiterdenken, Weiterhandeln! Der Jude hört fast auf, sein Denken über die Ebene des Raumes schweifen zu lassen, er denkt in die Zeit hinein. Was soll ihm das Prangende, Reife dieser Welt des abgeschlossen Vollendeten? Sich an ihrer Schönheit zu sättigen? Er hat höhere, heiligere Aufgaben. Er soll ja eine andere Welt bauen, die Welt der Zukunft, für die er ohne Unterlass die Quadern des Fundaments aneinanderfügen muss. Diese auf das ״Weiter!“ eingestellte Denkweise ist jüdisches Erbgut geblieben, und so fällt es selbst dem Juden ohne jüdischen Gedankeninhalt und jüdisches Wollen schwer, sich

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