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Jeschurun · 1927-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1927) · p. Seite 211

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1927)
Date
1927-05-01
Page
Seite 211 (sequence 5)
Language
German
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Zum Wesen der jüdischen Aesthetik 211 also von neuem erwiesen. Jedenfalls aber ist die Anwendung, die die Einfühlungstheorie im folgenden erfahrt, unproblematisch♦ Sie wird durch die erwähnten Bedenken nicht berührt; denn sie beschränkt sich auf Fälle bildender Kunst, also komplizierte ästhetische Objekte. Zudem liegt es im Wesen der Bildkunstgegenstände, dass sie, die an sich unlebendig sind, nur durch Beseeluog die ideal-ästhetische Wirkung erzeugen, die ihr Daseinszweck vorschreibt. Worin besteht nun das Wesen der Einfühlung? In einem unterbewussten psychischen Akt, dessen Resultat sich als ״beseelte Form“ dem Bewusstsein präsentiert1). Die Seele gibt gewissermassen ihren Inhalt her, um dem toten Stoff Leben einzuhauchen. Je geftihlsfarbiger das Ich, desto lebendiger das Kunstwerk. Und je tiefer es sich in die materiale Form vorsenkt, je beschaulicher und gefühlswärmer es sich sammelt, umso intensiver ist der ästhetische Genuss. Das ästhetische. Schaffen benötigt natürlich mehr Aktivität der Strebungen und Leidenschaften und wird daher über das rein Beschauliche der Einfühlung hinausdrängen, aber die grundlegende Voraussetzung der Einfühlung; die Hingabe an den Stoff, an das Gegebene, das gestaltet werden soll, wird auch der Künstler erfüllen müssen Wie verhält sich nun die Psyche des Juden hinsichtlich der ästhetischen Norm der Einfühlung? Allgemein und typisch betrachtet, ist zu sagen: Die Forderung, den Einfühlungsakt zu vollziehen, stellt den Juden vor eine psychologische Schwierigkeit. Die Beweglichkeit seines Geistes hindert ein kontemplatives, geruhsames Sich-Versenken. Es fällt ihm schwer, auseinanderstrebende Eindrücke optischer Natur zu gliedern und zu binden, jeden Zug liebevoll mit Leben zu erfüllen und das Ganze durch tiefes In-Sich-Halten zur 1) Auf die psychologische Zergliederung des Einfiihlungsprozesses und seiner mannigfachen Nebenbestandteile wie des ״Mitgesehen־ Werdens״, der ״fühlenden Miterregtheit״ (Volkelt) u. a. m. braucht hier nicht eingegangen zu werden. Auch die Variation der Einfühlungstheorie bei Lipps, der das Gefühl des Sich-Selbst-Geniessens als typisch betont, ist in diesem Zusammenhang von untergeordneter Bedeutung.

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