Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 135 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Leben usw. 135 Chuetas trennt. Was nutzt seinem frommen Bruder Benito sein dickaufgetragener Glaubenseifer, sein Hinknien vor jedem Heiligenbilde? Nichts kann ihren Hass besänftigen. Als Benito auf seinem neuerworbenen Landgute zum ersten Male zu übernachten wgte und frühmorgens die Rolläden seiner Fenster hochziehen und die Türen öffnen wollte, da hat ihn plötzlich stockdunkle Nacht umgeben: Die Dorfbewohner hatten während der Nacht sämtliche Fenster und Türen vermauert, und dem Chueta Benito blieb nichts übrig, als sich unter dem Gelächter der Bauern vom Dach herunterzulassen, um ins Freie zu gelangen. Seitdem trug Benito kein Verlangen, auf seinem Gute ferner zu übernachten und vielleicht eines Nachts unter Flammen zu erwachen. Und dennoch beugt dieser Bruder Benito aus Furcht und Schwäche demütig seinen Nacken vor den Grossen der Insel, betet die heiligen Väter an, die die Verbrennung seiner Vorfahren besorgten, während er, Pablo, der Kirche und Gesellschaft kühn den Fehdehandschuh entgegenschleudert. Wir erkennen in diesen wenigen bezeichnenden Zügen die virtuose Charakterisierungskunst des Dichters Ibanez, wie er mit fast dramatischer Prägnanz die Personen sprechen lässt, wie er ohne psychologische Künsteleien, nnr durch die Macht der Tatsachen Kontrastwirkungen hervorbringt und zwei jüdische Grund typen schafft, die für das übrige Europa nicht neu, doch in dieser Umgebung überraschend wirken: den demütigen ängstlich-beflissenen, praktisch-opportunistischen, die heilige Ordnung anbetenden Benito, und dem gegenüber den furchtlos kühnen, rassebewussten, ewig zum Spott geneigten Pablo, der Hass mit Hass erwidert, jedoch ebenso stark im Lieben, der einzige unentwegt treue Freund des Helden Ferrer, der ihn zum Schluss des Buches aus Herzenswirrnis und Todesgefahr rettet. Hier steht vor uns ein Gegensatzpaar der Charaktere, in denen, so dünkt uns, die hervorstechendsten Merkmale des jüdischen, durch Galuthschicksal geschmiedeten Rassencharakters kristallisiert sich finden. Zu bedauern allerdings vom künstlerisch-technischen Ge-