Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 131 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Leben usw. 131 Blutes, der Rasse und Stammesüberlieferung wehren sich dagegen, sie erwachen übermächtig. Der Rassenhass, mit dem die Insel geschwängert ist, hat auch sein Denken vergiftet. In schlaflosen Nächten kämpft er vergebens gegen die tyrannischen Phantome der Vergangenheit — ein aussichtsloser Kampf! In ihm selbst ist die instinktive Abneigung gegen die Rasse der Chuetas unüberwindlich, es ist ein Kampf wider die Natur, wider ein Stärkeres, Eigengesetzliches: die Toten widersetzen sich, die vergangenen Geschlechter, die Toten befehlen, und der einzelne muss gehorchen. Das Ergebnis seiner grüblerischen Nächte und seines ohnmächtigen Gewissenskampfes ist: Er verzichtet auf die Hand der schönen, begehrenswerten Jüdin, Tochter des reichen Chueta Don BenitoYalls, trotzdem dieser präsumptive Schwiegervater ihm oft in Geldnöten sich als uneigennütziger Helfer erwiesen hat, trotzdem dessen Bruder, der Kapitän Pablo Valls, zu Fehrers besten, treusten Freunden gehört. Sogar dieser Freund Pablo, selbst ein Chueta, doch ein Freidenker und Geniesser der Welt, die er nach allen Richtungen durchkreuzt hat, auch dieser Onkel der Braut ist ein Gegner dieser Verbindung seiner Nichte mit dem reinchristlichen fremdrassigen Edelmanne, er ist nicht für Blutkreuzung und Rassenverfälschung, auch seine Toten verbieten es. Denn nicht die Lebenden machen die Gesetze, so lautet die These des Dichters, sondern die Toten beherrschen uns, sie diktieren uns den Rhythmus des Lebens und der Religion, an die wir glauben, sie formen unsre Gefühle, sie beherrschen unsern Geschmack, unsre Moral- und Ehrbegriffe, unsre Gebräuche und als letztes unsre Handlungen. ״So glauben wir . .., unsre eignen Gedanken zu haben; was uns aber bewegt, ist eine Kraft, die vor uns andre belebt hat, ähnlich dem Saft, der durch das Pfropfreis auf junge wilde Pflanzen das Leben und die Energie alter Bäume überträgt. Wie viele unsrer Ideen, die wir für Schöpfungen unsres eignen Geistes halten, waren schon seit unsrer Geburtsstunde in unsrem Gehirn eingekapselt, um plötzlich eines Tages ihre Hülle zu sprengen. Tugenden und Neigungen, Fehler und Abneigungen,