Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 127 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Leben usw. 127 lichkeit an Markttagen in kleineren Städten über die geistig trägen Marannen und Neuchristen die Oberhand gewinnen• Nach L. Wolfs Beobachtungen und Eindrücken ist in neuester Zeit bei Marannen wie Neuchristen in Portugal das Interesse für alles Jüdische lebendig erwacht. Obwohl sämtliehen jüdischen Religionsformen und jüdischem Gemeinschaftsgeist nahezu entfremdet, werden sie schrittweise ihres jüdischen Ursprungs sich immer mehr bewusst, und wir sehen sie, seitdem sie durch die Revolutionier ung und Republikanisierung Portugals von der Ueberwachung und Bevormundung der katholischen Kirche befreit sind, fast alle als gute Republikaner und Antiklerikale im öffentlichen politischen Leben eine Rolle spielen. Sie geben ihr Interesse für jüdische Dinge offen kund, ihr Rassestolz ist wachgerufen, und gerne erzählen sie von ihren Grosseltern, die noch den Jaum-Kippur heimlich gefeiert haben, oder von einem ihrer Ahnen, der den Märtyrertod erlitten hat. Dieses neuerwachte Interesse für alles Jüdische und Jüdisch- Schicksalhafte will L. Wolf (der auf seinen Entdeckungsfahrten von dem rührigen Wiener Ingenieur Samuel Schwarz begleitet wurde) in allen Provinzen Portugals konstatiert haben, in den unteren wie in den Mittelschichten. (Die Neuchristen sind durchwegs gutsituierte Kaufleute und Beamte.) L. Wolf lässt seine bedeutsame Studie in einem warmherzigen Appell ausklingen an alle jüdischen Gemeinden und Vereinigungen, mit allen Mitteln eine Renaissance-Bewegung unter diesen Halbjuden und Neuchristen Portugals herbeizuführen. Er macht auch positive Vorschläge zur Verwirklichung dieses romantischen Planes. Er schlägt eine friedliche Invasion vor durch Einführung jüdisch-religiöser Einrichtungen: Errichtung von Synagogen an den grösseren Orten, Entsendung von Schochtim und Mohalim und jüdischen Lehrkräften für Schulen, Einrichtung von jüdischen Beerdigungsplätzen, kurz von allem, was jüdischen Gemeingeist zu wecken geeignet ist. Solche Bestrebungen müssten in Lissabon, wo schon eine kleine, doch finanziell wenig leistungsfähige Gemeinde besteht, zentralisiert werden. Der Präsident des Staates wie auch seine Minister