Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 126 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Jüdisches Leben usw. (der Marannen) Liturgie berichten hören: Ihre Gebete sind meist nur von Mund zu Mund tradiert, und zwar sind die alten Frauen die Hauptträger dieser Tradition, diese können die uralten Gebete auswendig und rezitieren “sie der andächtigen Gemeinde an den wenigen Festtagen des Jahres. Yon den heiligen Schriften kennen sie die Bibel und Apokryphen, auch diese fast nur vom Hörensagen, kaum im Original-Hebräisch, die übrigen heiligen Schriften gar nicht. Bemerkenswert ist auch folgende Feststellung: das, was keine Inquisition des Mittelalters und keine blutigen Verfolgungen fertiggebracht haben, das ist der Misch- und Zivilehe, die seit 1910 durch Staatsgesetz in Portugal gestattet ist, vielfach restlos gelungen, nämlich Judentum und jüdisches Bewusstsein unter den Marannen mit der Wurzel auszurotten. Dies ist begreiflich in einem Lande, wo bekenntnismässige Juden in verschwindender Zahl (heute ca. 480) vorhanden, alle übrigen nur Kryptojuden oder Neuchristen sind, die nur in losem Zusammenhang miteinander stehen. Es gibt jetzt tatsächlich, so berichtet L.Wolf, kaum eine Familie unter den Marannen, in der nicht ein oder mehrere Mitglieder sich mit reinchristlichen Familien verheiratet haben. Das Ergebnis dieser Blutmischungen, die auch früher, aber nur vereinzelt, vorkamen, und die Mimicry der gemeinsamen Lebensformen, zeigt sich im Charakter und Wesen der Nachkommen, welche, obwohl nach Typus und Aussehen, teilweise auch in religiöser Betätigung (s. oben) jüdisch, sich der Lebensweise und Denkart der stockchristlichen portugiesischen Bevölkerung völlig assimiliert haben. Durch ihr gemächliches, träges, selbstbewusstes, seigneuriales Auftreten stechen sie auffallend ab von der lebhaften gebärdenreichen und betriebsamen Beweglichkeit der Juden des Kontinents, die in neuester Zeit vereinzelt zu Geschäftszwecken Portugal bereisen, und nicht ohne Humor liest es sich, wie erfolgreich die vereinzelten jüdischen Händler und Kaufleute aus Polen und sonst aus dem Osten, die sich in den grösseren Städten angesiedelt haben und das flache Land bereisen, wie leicht und ungeniert diese Eingewanderten mit ihrer Zungengeläufigkeit und Geschäftsknift-