Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 115 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2293050-2293052--08895-2302177- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Pessimismus und Messiashoffnung 115 In diesem Sinne ging u. E. der Streit der palästinensischen Schulen, ob für die Menschheit wir vor Gott uns mit allem Leid abfinden dürften, oder gewissermassen dauernd 8it venia verbo protestieren, Seine Gnade und Gerechtigkeit für die leidende Menschheit fordern müssen. Es sei bemerkt: Die 272 Jahre waren vermutlich die Jahre des Bar-Kochba-Aufstandes (Sanhedrin 93 b) 7, wo noch eine letzte Hoffnung auf Brechung der Gewaltherrschaft die Gemüter erfüllte. Als Bar-Kochba fiel, stand Israel vor dem Nichts, der Römer ward Herr der Welt, da fiel die Entscheidung negativ. Besser nicht geschaffen als geschaffen. Aber diese Frage wird uns nicht gestellt. Die Welt ist da; wir haben darin keine Wahl. Frei aber sind wir in der Entscheidung, ob wir nunmehr zukunftsbejahend in jedem Augenblicke der Erlösung dienen wollen oder ob wir, die Welt sich selbst überlassend, unsrerseits das grausige Schauspiel der Welttragödie noch vergxössern wollen. Auch dem jüdischen Volke lag diese Entscheidung ob, es hat sie beantwortet mit dem Ent- Schluss, der Gottesknecht zu werden, alle Lasten und Mühen auf sich zu nehmen, um das Haus G0tte3 zu bauen und in Ordnung zu halten. Das ist der Sinn jener berühmten Jesajasprophetie vom Gottesknecht, Kap. 53-54, deren Missdeutung solche Rolle in der Religionsgeschichte gespielt hat, vom verachteten Gottesknecht, der das Leid der Welt auf sich genommen und dadurch die Rettung der Welt herbeiführt. Das Leid, das sonst der Quell des Pessimismus ist, wird hier von den Frommen als sittliche Aufgabe übernommen, freiwillig bejaht, als Martyrium und Zeugnis der Bereitschaft zum höchsten Gottesdienst 0״ siehe da, mein Knecht, er siegt, steht hoch, steht gross und steht erhaben da, er, drob sie alle sich entsetzt, weil hässlich, untermenschlich schien treffen ihn 13 Jahre der Schmerzen. Nicht einmal des Tieres Leid können wir bejahen. *) Vgl. Note am Schluss des Heftes.