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Jeschurun · 1927-03-01 · Heft 3-4 (März 1927) · p. Seite 114

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 3-4 (März 1927)
Date
1927-03-01
Page
Seite 114 (sequence 12)
Language
German
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114 Pessimismus und Messiashoffnung Heute ist die Welt: schrecklich gut. Sie ist gut, aber der Weg zu ihr führt durch Schrecken und Eiend hindurch: die Welt ist schrecklich, aber ihr Kreissen und Ringen, ihr Schreien und Sichwinden sind die Geburtswehen des Guten. Aber diese Wehen, diese Not sind nicht wie ein Schicksal, nicht ein Chaos, dem gegenüber wir machtlos abwarten, in Zurückgezogenheit, das Heil passiv hinnehmend, auf die bessere Welt harren müssen, sondern die Gestaltung des Ziels ist in unsre Hand gegeben. Wir selbst sind ihre Schöpfer. In keinem Sinne kann grösser und herrlicher die Bedeutung der Menschentat ausgesprochen werden, al3 w^enn der Talmud sagt: ״Sei Mitarbeiter Gottes an dem Werk des Anbeginns, in dem Werk der Vollendung.״ Aber der Weg zur Vollendung geht durch ein Tränental hindurch. Wenn wir also heute in diesem Augenblicke das Weltbild uns vor Augen führen oder irgend einen Durchschnitt durch die Epochen der Vergangenheit, wenn wir das Stöhnen der Leidenden, den Aufschrei des unschuldig vergossenen Blutes, den Wehruf der Unterdrückten hören, wie Krankheit und Hunger und Misserfolg über die Erde hinwegrasen und uns fragen: ist es für die Menschheit besser, geschaffen zu sein oder nicht, so ist diese Frage voll bitterer Verantwortlichkeit. Denn niemand hat das Recht, für den andren das Leid zu bejahen. Für mich kann ich sagen: ich will durch Kampf zur Vollendung, durch Not und Leiden zum Endziel der Welt mich selbst führen; für den andren habe ich dazu kein Recht. Für Dich kannst und sollst Du Optimist sein! Für Deinen unglücklichen Bruder hast Du die Wirklichkeit mit ihren Mängeln und Nöten ins Auge zu fassen, und dieses Weh soll Dir das Herz abdrücken. Ihm gegenüber Optimist zu sein, den Ernst und die Schwere ihres Daseins leicht von Dir abzuschütteln, ist eine Grausamkeit*). *) Vergleiche Baba Mezi&h 85 a die Erzählung von den Leiden Rabbis. Ein Kalb, zur Schlachtbank geführt, steckt den Kopf wie flehend in Rabbis Rock. Da spricht er: ״geh, dazu bist du geschaffen.“ Dafür

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