Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 113 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Pessimismus und Messiashoffnung 113 Wertlos ihr Tun und Streben, ,wertlos vor allem für sie selbst. Auf ihr Grab pflanzt grinsend der Pessimismus seine Fahne auf. Wie der Kreislauf der Energie zum ewigen Wärmetod führt, so verzehrt sich in ihnen das Leben selbst und verbrennt an den eigenen Kohlen zum Nichts. Soll dem Pessimismus die Stütze entzogen sein, so muss das Leben einen Sinn, der Wille ein absolutes Ziel haben. Es muss über der seienden Welt eine gesollte, über der Gegenwart eine Wirklichkeit höheren Ranges, über dem Jetzt eine Zukunft sich erheben, deren Erreichung jedem Schritt und jedem Augenblick in unserem Leben einen Sinn gibt, jeder Tat ihre Richtung, ihr Urteil vorzeichnet, das ist der Sinn des Messianismus, der Messiashoffnung. Wer fragt: ist diese Welt die beste oder schlechteste aller Welten, dem antworten wir: die beste gewiss nicht, sie ist weder die beste noch die schlechteste, sie ist überhaupt keine Welt, sie will erst eine werden. Die hebräische Sprache hat merkwürdigerweise keinen Ausdruck für Welt, עולם das Verborgene, Verhüllte bedeutet Zukunft und Vergangenheit, so in der Verbindung מן העולם ועד העולם; das Späthebräisch setzt dann für Welt das Wort עולם — erst die Zukunft ist die Welt. Es gibt ein Wort im Talmud (Berachoth 61): die Welt ist nur geschaffen für Rabbi Chanina ben Dossa oder für Achab ben Omri, entweder für den Weltverzicht oder für den Weitling, für die Abgekehrtheit selbstloser Frömmigkeit, die vom Diesseits nichts fordert und ihm nichts aufdrängt, oder für den Gewaltmenschen, der skrupellos sich durchsetzt, über Haufen von Menschenleichen seine kleinen Augenblickszwecke verwirklicht. Für jeden andren ist die Welt noch garnicht geschaffen. Aber jeder andre ist berufen, seinerseits an ihrer Schöpfung mitzuwirken, dass er ihr gebe, was ihr frommt, dass sie ihm gebe, was sie neidisch noch zurückhält.