Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 112 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Pessimismus und Messiashoffnung אני מחזיר את העולם לתוהו מוהר, in jedem Zeitmomente lauert das Chaos, die sittliche Anarchie, das Verderben von der Welt wieder Besitz zu ergreifen, wenn nicht die Menschheit durch die Tat das in der Tora niedergelegte Ziel der Welt ergreift und verwirklicht. Ob also die Welt einen Sinn hat, ist in jedem Augenblick neu fraglich. Zu optimistischem Selbstbetrug ist keine Veranlassung. Mit ungeheurer Verantwortung ist jeder Mensch belastet; seine Tat ist Weltschicksal. Jeder spreche: um meinetwillen ist die Welt geschaffen. Mit ungeheurer Verantwortung ist jeder an den Menschenbruder gebunden, denn meine Tat allein genügt ja nicht, es ist die zusammenwirkende Tat aller Menschen, die erst das Erdenschicksal zur Entscheidung bringt. An die Stelle des blinden Willens zum Leben setzt das Judentum den Willen zur Weltvollendung, Weltverwirklichung, zur religiösen Tat, einen Willen, der nur sehend, nur bewusst, nur aus klarer Erkenntnis des Ziels wirkt und reagiert. Diese Auffassung ändert das Weltbild völlig. Es weiht den Willen als solchen; ganz unabhängig vom Erfolge ist das blosse Streben nach diesem Endzweck eine Befriedigung. Erreicht der Wille aber sein Ziel, so ist dieser Erfolg das höchste Glück der Menschenkinder. Es kann nicht scharf genug betont werden: der echte, unüberwindliche, fest begründete Pessimismus ist der, der auf den Willen zum Leben als unfrei und unsinnig blickt. Ist die Menschentat wertlos, so ist es ein Entsetzen, Mensch zu sein; und die Welt ist im tiefsten krank. Hat die Menschentat aber einen Wert, kann sie einen absoluten, ewigen Adel erlangen, so ist das Loch des Danaidenfasses gestopft, so rollt des Sysiphus Stein, in die Höhe gebracht, nicht heimtückisch wieder in den Abgrund, dass die Arbeit von neuem beginnt. Vom Werte der Menschentat hängt es also ab, ob man dem Pessimismus wie einer unheilvollen Krankheit verfallen muss oder nicht. Wie sind hunderte unserer Brüder, im Tretrad des Lebens eingefangen, gejagt von dem Willen zum Leben, zur sinnlosen Arbeits- und Verbrauchsmaschine degradiert!