Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 110 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Pessimismus und Optimismus schienen war, ist widerlich wie die verdaute Speise. Dann ist die Welt zu arm an Freuden, was vermag sie uns zu bieten? Den satten Magen lockt kein Leckerbissen, die befriedigte Gier keine Schönheit des Leibes, ja alle Herrlichkeit von Natur und Kunst vermag den einmal erfüllten Lebenswillen nicht mehr aufzupeitschen. Dann kommt die schwerste Not, die Not der Seele, die Langeweile, die Leere, die wverdros3en sich umschaut in der grossen, grossen Umwelt und vergebens nach etwas späht, was dem Gaumen noch mundet. Der Wille ist so gezwungen, zwischen diesen zwei Endlagen wie ein Pendel hin her zu schwingen, zwischen Leid und Leere, zwischen Qual und Ueberdruss. Hier liegt die Quelle des Pessimismus. Was soll die Welt mir geben? Der sinnlose Lebenswille jagt mich, äfft mir Freude und Befriedigung vor, um mich alsdann für die treue Gefolgschaft, die ich ihm geleistet habe, zu strafen. ״Den man zu Anfang liebevoll verzärtelt hat, der ist am Ende undankbar, abweisend״ (Sprüche 29,21). Und doch beherrscht der Wille zum Leben alles Seiende. Unmöglich ist es, ihm zu entgehen. Ich m u s s ihm folgen, denn die Motive und Reize, mit denen er meine Seele umgaukelt, wirken so unentrinnbar, so notwendig wie Naturgesetze. Wie man das virtuelle Bild im Spiegel schaut, mag die Physik uns tausendmal überzeugt haben, dass hinter dem Quecksilberbelag ׳kein Lichtstrahl, kein reelles Bild vorhanden ist, weil das Auge diese Erkenntnis nicht mitmacht, sondern nach wie vor die Täuschung als wirklich empfindet, so der Betrug des Lebenswillens. Alle Vernunfterkenntnis nützt nichts, die Motive wirken weiter und geben uns nicht frei. Da hilft nur eins: von diesem Willen zum Leben müssen wir uns freimachen, ״erlösen“, müssen ihn ״verneinen“. Die letzte Konsequenz wäre: der freiwillige Tod; aber auch ein Leben der absoluten Entsagung, des Mönchtums, der Askese, der Beschaulichkeit, der Zurückziehung von der Welt bedeutet die gleiche Lösung und Erlösung. Die Vernunft soll weder Herrin noch Dienerin des Willens zum Leben sein; mit einem salto mortale soll sich der Mensch kraft dieser seiner Vernunft