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Jeschurun · 1927-03-01 · Heft 3-4 (März 1927) · p. Seite 109

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 3-4 (März 1927)
Date
1927-03-01
Page
Seite 109 (sequence 7)
Language
German
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Pessimismus und Messiashoffnung 109 nicht wie irreligiös, wie eine Verleugnung Gottes, wie eine Herausforderung, die Vorfrage der Welt zu stellen, ob ihre Schöpfung besser unterblieben wäre als geschehen? Gilt für sie nicht der Vorwurf des Jesajas (Kap. 45): ״Weh, wer mit seinem Schöpfer rechtet, ein Scherben unter Scherben Erde, wenn Ton zum Töpfer spricht: was tust Du? Dein Werk, es hat ja keinen Griff! Weh, wer zum Vater spricht: was zeugst Du? zur Mutter: warum kreissest Du?“ Aber wenn sie schon gestellt werden darf, was soll im Philosophischen die Abstimmung? Und wenn diese negativ verlaufen, wenn der Welt gewissermassen das Todesurteil gesprochen, welche Auskunft, welches Heilmittel bedeutet dann der mehr oder minder gute Lebenswandel des Einzelnen? Den Sinn dieser Agadah zu eruieren, ist ganz eigentlich der Inhalt meiner Darlegungen. Wenn man den Pessimismus voll verstehen wil, muss man bis an seine metaphysische Wurzel Vordringen, die Schopenhauer, der Künder der Welt Verneinung, eruiert hat. Die Welt ist nach ihm in ihrem letzten Wesen: Wille, ein dunkler Drang, der sich niemals erschöpft. Der Wille zum Leben ist das allbeherrschende Prinzip in allen Erscheinungen, in der leblosen Natur, wie im Reiche der Organismen und so auch im Menschen. In der grössten Mannigfaltigkeit von Kräften, Strebungen, Wünschen und Leidenschaften tritt dieser Wille zum Leben in uns wie in allem Seienden auf, unaufhörlich schwingt er die Peitsche über uns, uns ruhelos jagend und treibend. Erreicht der Wille sein Ziel nicht, so bedeutet das Leid, Schmerz, Kummer und Verbitterung; gelingt es ihm, sein Ziel zu erreichen, so tritt der Ueberdruss, die Langeweile an seine Stelle. Denn sinnlos ist der Lebenswille an sich. Seine Befriedigung trägt in sich keinen Wert. Nur bis zur Verwirklichung hat der Wille Reiz und Macht, hält er die Seele in Spannung; hat er gesiegt und erreicht, wohin er strebte, so führt er in die Leere (Koheleth 2,4—11), wie der Geniesser sein Opfer von sich schleudert und verachtet, nachdem es ihm zu Willen war. Schal und kahl gähnt uns dann die Welt an, und alles, was uns im Rausch der Erwartung so köstlich er-

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