Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 108 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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108 Pessimismus und Messiashoffnung ich weiss nicht, ob ich sie bekämpfen würde, ob ich nicht den Griechen den Ruhm dieser Weltauffassung lassen müsste. Das Wort, das die Schöpfungsgeschichte abschliessfc, gilt vielleicht nur der Schöpfung, solange noch das Schöpferwort allein in ihr waltete, solange die Geschichte der Welt nicht begonnen hatte. Ein Gleichnis, sagt der Midrasch (Ber. Rabba 9): Da hatte ein Künstler ein herrliches Haus errichtet und steht vor dem vollendeten Bau und ruft: Du mein Palast, du Werk meiner Hand, ach dass ich ewig solch Gefallen an dir fände, wie in dieser Stunde! So der Schöpfer vor der geschaffenen Welt: Meine Welt, meine Welt, ach dass ich stets die Wonne an Dir hätte, die Du heute mir bereitest. Zum Beweise des Optimismus ist dieses Wort also nicht zu gebrauchen. Und der Tiefsinn unserer Weisen sieht bekanntlieh im Wortlaut sogar eine Einschränkung: und siehe, sie war sehr gut; gut, absolut gut, war sie nicht, war nur טוב מאד, das מאד weise auf Tod und Leiden, auf das Böse, Gemeine, auf alles Negative in der Welt bedeutsam hin. Heisst es doch bei den früheren Stadien der Schöpfung ohne Einschränkung: Da sah Gott, dass es gut war. Hier beim Abschluss, da sah Gott und siehe da! etwas Ueberraschendes, Unerwartetes tritt ihm entgegen! Den einfachen Tatbestand des Gutseins gilt es hier nicht zu registrieren, es steckt ein Problem, ein Fragezeichen darin, das der Lösung bedarf. Die modernen Lexica bringen eine Ableitung des Wortes מאד von איד Unglück. Es würde also die Stelle heissen: Gott sah die Welt, sie war schrecklich g u t. Nun schaut aus diesen Worten die ganze Fragwürdigkeit einer einseitigen Weltbeurteilung krass und erschütternd hervor. In einer seltsamen Agadah spricht sich die ganze Schwere des Problems der Wertung des Lebens aus (Eruwin 12 b): ״Zweieinhalb Jahre stritten die Schulen Schamais und Hillels. Die einen sagten: Der Mensch wäre besser ungeschaffen als geschaffen. Jene sagten umgekehrt. Dann stimmte man" ab und kam zu dem Beschluss: Besser wäre nicht geschaffen. Nun <’er Mensch einmal geschaffen, suche er sein Tun und Lassen ständig zu veredeln.״ Klingt es, so fragt man seit langem,