Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1927-03-01 · Heft 3-4 (März 1927) · p. Seite 107

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 3-4 (März 1927)
Date
1927-03-01
Page
Seite 107 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2292929-2293050-2293052--08887-2302169
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Pessimismus und Messiashoffnung 107 Aber sich ohne weiteres zu einem durchgängigen Optimismus zu bekennen, ist den tiefer Denkenden auch kein Leichtes. Schopenhauer sagt einmal, der Optimismus sei eine verruchte Weltauffassung. Bei dem Meer von Jammer, den Tränen ohne Zahl, den unermessbar vielen blutenden und zerbrochenen Herzen, dem Hunger, Elend, dem Verbrechen und der Niedertracht, die stündlich Hekatomben von Menschenopfern fordern, mit verschlossenen Augen und Ohren und satter Befriedigung von der besten aller möglichen Welten zu reden, dazu gehört eine Gefühlsroheit, eine Gleichgültigkeit gegen fremdes Leid, die nur Verachtung verdient. ״Aus der Stadt stöhnen die Menschen auf, und die Seele der Ermordeten schreit empor, als ob Gott das Empörende nicht beachtet (Hiob 24,12)״. Das Lachen muss uns im Halse stecken bleiben, wenn wir all’ der Tragödien denken, die sich neben uns in Bruderherzen und. Bruder- Schicksalen abspielen. In diesem Sinne sagt der Talmud in vollster Bestimmtheit die kraftvollen Worte: ״Es ist verboten, seinen Mund auf dieser Welt mit Lachen zu erfüllen (Berach. 31a) Wer täglich das ganze Hallel sagt, der höhnt und lästert Gott (Sabbath 117b)״. Es verrät nicht eben Edelsinn, dem unsäglichen Wehruf der Kreatur, zufrieden mit dem eigenen augenblicklichen Wohlbehagen, sich zu verschliessen. Einen solchen Optimismus lehnen wir daher entschieden ab. Ich erinnere mich eines Erlebnisses von der Schulbank her. Bei einem griechischen Unterricht der Prima des Gymnasiums bemerkte der Lehrer, das griechische Wort für ״sein״, elvou und das Wort für ״gut83 ״, hätten denselben Stamm. Für den Griechen sei ״sein״ und ״gutsein״ dasselbe. Das ist, so sagte er, der arische Optimismus im Gegensatz zu dem semitischen Pessimismus. Tief verletzt in meinen heiligsten Empfindungen, stand ich auf und sagte: Es heisst doch in der Bibel: ״Gott sah alles, was er gemacht, und siehe es warsehr gut״? Darauf antwortete der Lehrer — jener aus den Buddenbrooks als der ״liebe Gott״ berühmt gewordene Direktor — etwas verdutzt: ״Nicht so klug!״ und brach damit die Auseinandersetzung ab. Aber wenn ich heute die gleiche Behauptung hören würde,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.