Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 106 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Pessimismus und Meseiashoffnung־ diese Weltfreude auf ihren Antipoden, den Pessimismus, wie auf eine Art von geistiger Tabes, von Arterienverkalkung im Blutkreislauf der Lebensenergien, etwa wie ein lebensfroher Jüngling auf einen griesgrämigen Alten. Die Weltverneinung ist ihr eine Lähmungserscheinung, ein Zeichen von Ueberalterung. Es wäre kein uninteressanter Versuch, eine Statistik der Menschen nach ihrer Haltung zur Frage der Weltbewertung zu machen. Es würde sich ergeben, dass die Pessimisten und Optimisten nach Strassen und Etagen, nach Lebensaltern und sozialen Gruppen, nach Ländern und Zeitepochen sich gliedern. Im Allgemeinen wird man wohl das Ergebnis erwarten: Die Glückliehen seien Optimisten; wer seine Lebensrechnung nicht getun den hat, neige dem Pessimismus zu. Aber diese Auffassung ist nicht durchweg richtig. Neben den völlig Enterbten des Glückes, den Ausgestossenen des Schicksals sind gerade diejenigen, denen das Leben zuviel des Guten beschert hat, denen, talmudisch gesprochen, Kuchen an den Halmen und Seidenkleider aus der Erde wachsen, ständig unzufrieden und der Welt gram. Das mürrische Gesicht Lt typisch für alle Lebenspassagiere erster Klasse. Die Extreme berühren sich. Was jene aus Verzweiflung, sind diese aus Blasiertheit. Menschenhass und Weltverneinung entkeimen nicht minder dem Wohlbefinden als dem Weltleid. Sattigkeit wünscht sich der weise Spruchdichter ebenso wenig wie Not, beide bilden den Nährboden zum Zerfall mit Welt und Gott (Miscble 30, 8/u). Nichts ist auf den ersten Blick seltsamer als solch schwermütige Stimmung bei denen, welche das Leben mit sanfter Hand anfasst, sie an gedeckten Tisch, auf weiches Pfühl lädt und über alle Klippen des Daseins vorsichtig hinwegträgt; als dass diese in Palästen eher wohnt als in Hütten, dass sie bei des Lebens Genuss öfter die bittere Würze abgibt als bei der harten Leistung und dem Ringkampf um das Dasein. Das zeugt eigentlich am stärksten wider alle Resignation, dass sie aus ungesunden, ins Ungewöhnliche sich übersteigernden Schicksalen herauswächst, dass sie die Weltanschauung der Müden, Trägen und Feigen ist, denen die Tapferkeit der Seele, die erste aller Tugenden, fehlt.