Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 89)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nordfranzösisehe Klassiker usw. 85 das die Jaden Nordfrankreichs zu jener Zeit ein abgeschlossenes jüdisches Leben führten, und sich in das Studium ihres religiösen Schrifttums versenkten, vorzüglich in das des Talmuds. Sie hatten keine Berührung mit einer blühenden, alle Gebiete geistiger Tätigkeit umfassenden und faszinierenden Kultur, wie es ihre Volksgenossen in den Ländern des Islams hatten. Sie standen nicht im Verkehr mit hochgebildeten Nichtjuden. Es fehlte ihnen die wissenschaftliche Anregung und der grössere Horizont. Die französische Sprache war erst im Werden begriffen, ihre grammatischen Regeln und Eigentümlichkeiten noch unausgearbeitet und noch nicht in das wissenschaftliche Bewusstsein eingedrangen. Dabei war das Französische ein ganz fremdes Idiom, ohne jedwede Beziehung zum Hebräischen. Von einer sprachwissenschaftlichen Schulung konnte gar keine Rede sein, und ebensowenig von Sprachvergleichung und Wortableitungen. Das Französische konnte höchstens zur Wiedergabe schwieriger hebr. Wörter oder Realien verwendet werden. Die nordfranzösischen Exegeten hatten somit keine erworbenen Wissenschätze bei der Bibelexegese zu verwerten. Ihre Hilfsmittel waren sehr beschränkt. Aber diese ihre Schwäche war zugleich ihre Stärke! Sie bewahrten sich einen ungekünstelten und unbeeinflussten Sinn. Sie suchten die Bibel mit einer natürlichen Frische und Einfachheit zu erklären. Mit scharfem, eindringenden Blick drangen sie לעומק פשוטו של מקרא wie sie sich immer ausdrücken, erfassten instinktiv den rechten Sinn der Worte und Sätze, ermittelten oft in genialer Weise die Zusammenhänge der Dinge, und erschlossen in reinem jüdischen Geiste, in ungetrübter Anschauung den פשט, den sie eifrig suchten. Sie besassen zum Teil einen ausgeprägten kritischen Sinn, der in der Dialektik des Talmuds geschliffen war, gingen oft sogar völlig vorurteilslos an den Schrifttext und versuchten die schwierigsten Probleme rationalistisch zu lösen. Und dies, obwohl sie sich nicht in die Notwendigkeit versetzt sahen, die Worte der l^gen Schrift mit dem damaligen Zeitgeist in Einklang zu bringen. So brauchten sie aber auch nicht den Schriftversen eine ihnen fremde Deutung zu geben, sie mit Wahrheiten, die von anderen Voraussetzungen ausgingen,