Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2293050-2293051--08810-2302091- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Probleme der jüdischen Erziehung 35 Philosophie das Entscheidende. Nun gehört Religiosität — ein inneres Begebnis — ins Bereich der Subjektivität, Erziehung aber in die Praxis, ins objektive Bereich des Sollens (vgl. Natorp 1). Wie könnte man sie ohne weiteres nebeneinander ordnen? Anders freilich steht es um die Beziehung zwischen dem objektiven Tatsachenbereich ״Religion״ und der Erziehung. Religion als solche will Erziehung — aber nie in bescheidener Nebenordnung, sondern in deutlicher Ueberordnung: sie gibt in jeder Weise der Erziehung Ziel und Inhalt. Diese Beziehung erfährt eine interessante Beleuchtung — wenn auch vielleicht keine umfassende und eindeutig kräftige Darstellung — wenn man unter Benutzung der Sprangersehen Psychologie 2) die Frage auf wirft: Worin besteht die wesentliche Bedeutung der Religion für das eigentliche Kindesalter — und worin für das so anders geartete Jugendalter (13.—18. Lebensjahr)? Nach Spranger wird das Kindesalter charakterisiert durch die Vorherrschaft der Phantasie, das Jugendalter durch die Vorherrschaft des Intellekts. Die Bedeutung der Religion für die Periode des Kindesalters besteht nun — nach Baeck — darin, dass sie der Phantasie eine reine Nahrung reicht, eine helle klare Welt um das Kind breitet; auch ״kann die Phantasie des Kindes zur sittlichen Phantasie, zur Phantasie des Weges werden״. Diese vorzügliche psychologische Beobachtung sollte aber nicht gewaltsam zugespitzt werden durch die These, dass die sittliche Erziehung bis in den Beginn der Reifezeit lediglich ״durch eine Welt von Bildern und Gestalten״, nicht aber durch ״Sätze und Mahnungen״, nicht durch Gebote beeinflusst werden kann. Solche Einseitigkeit richtet sich von selbst — einmal durch die praktischen Not- Wendigkeiten jeder Erziehung, dann aber durch die Tatsache, dass alle positiven Religionen — auch der Katholizismus, der 80 sehr den Bedürfnissen der Phantasie Rechnung trägt — ihre Gebote auch schon an das Kind herantragen — .ושננתם לבנך ף P. Natorp, Philosophie (Göttingen 1911). 2) E. Spranger, Psychologie die Jugendalters (Leipzig 1926).