Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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24 S. R. Hirsch und das gesetzestreue Judentum heiligen Schriften der Vergangenheit. Tiefe und originale Denker des Judentums, die völlig dem Geiste des überlieferten Judentums entwachsen waren, finden ihren Weg aus der Fremde in die alte Heimat. Und wenn man genau hinsieht: Ist die neue Bibelübersetzung Buber-Rosenzweig in ihrer Vermählung des sprachvollendeten Deutsch unserer heutigen Zeit mit dem Ursinn des hebräischen Textes, wie er von unseren Alten geי deutet wurde, etwas anderes als eine Ausstrahlung jener Hirscheschen Grundidee des Einswerden der beiden Kulturen im thoratreuen Juden?! So schliesst auch hier in einer engeren Zeitspanne das Neue an das Alte sich an, wie das thoratreue Judentum der Neuzeit an das Zeitalter von Bibel und Talmud. Es bleibt mir nur übrig, dem Herrn Vorsitzenden dafür zu danken, dass er mir Gelegenheit gegeben, wenn auch — wie das im Rahmen eines Vortrags nur möglich ist — in sehr unzureichendem Masse, ein Bild von S. R. Hirsch und dem gesetzestreuen Judentum zu entwerfen. Der Jude hat die Pflicht, auch wenn er mit einem nicht jüdischen Gelehrten von Weltruf zusammentriflt, einen Segensspruch zu sprechen. Wenn ich mit dem Patriarchen und wohl noch immer grössten aller lebenden Orientalisten, mit Nöldeke zusammenträfe — ich müsste die Beracha machen: ״Gepriesen sei der Ewige, unser Gott, König der Welt, der von seiner Weisheit verliehen einem Wesen von Fleisch und Blut.“ So ehrt das gesetzestreue Judentum seit den Zeiten des Talmud die Wissenschaft. Die von dem Herrn Vorsitzenden geschaffene Einrichtung ist auch ein Ausfluss hoher Weisheit, die ja immer verbunden ist mit echter Wissenschaftlichkeit. Was ich Ihnen zu geben versuchte, ist meiner unmassgeblichen Meinung nach nützliches Baumaterial für die wissenschaftliche Forschung. Die Religions geschichte erkennt immer mehr ihre Verwandtschaft mit der Religions- Psychologie. Mögen die Versuche aus der lebendigen Seele der Religionen die Erkenntnis ihres Wesens zu schöpfen uns dem Ziele näher bringen, das von den edelsten Geistern aller Zeiten erstrebt wurde, durch das bessere Erkennen zum gegenseitigen Anerkennen zu gelangen, zur Achtung und zur Brüderlichkeit! J. W.