Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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22 S. R. Hirsch und das gesetzestreue Judentum orthodoxes Judentum gewählt hat. Das darf aber nicht zu Missverständnissen führen. Der eigentliche Grund liegt nicht in Differenzen der Welt- und Lebensanschauung. Keiner war ein schärferer Gegner der Uebertragung von Begriffen, die anderen Konfessionen eigen, als gerade S. R. Hirsch. Gerade er hat bis zu einer gewissen Zeit dies Wort aufs ängstlichste ausgeschaltet. Die Geschichte der Einbürgerung der Termini orthodoxes und gesetzestreues Judentum habe ich in der Hoff mann- Festschrift behandelt, und dort gezeigt, wie selbst Geiger in seiner Polemik sehr lange die Bezeichnung ״orthodox* gemieden hat. Die Einführung des Terminus ״Orthodoxes Judentum“ hatte bei Hirsch nur religionspolitisehe Bedeutung. Um die Freiheit der gesetzestreuen Uebung der Altgläubigen vor den Eingriffen neologer Gemeindeverwaltungen zu schützen, musste Hirsch den Konservativen die Möglichkeit schaffen, auf Grund religiöser Gewissensbedenken aus dem Verband einer liberalen Gemeinde auszutreten. Wollte er aber für die Notwendigkeit dieses Austrittsgesetzes, das in der Tat vor fünfzig Jahren zu Stande kam, den gesetzgebenden Körperschaften die Motive darlegen, so konnte er nicht mit dem Terminus »Gesetzestreues Judentum* operieren, für den er bei den nichtjüdischen Instanzen kein Verständnis gefunden hätte, sondern musste mit dem auch bei anderen Konfessionen geläufigen der ״Orthodoxie* für seine Wünsche eintreten. Nomenklaturen, die eine geistige Bewegung und nun gar eine Konfession kennzeichnen, sind überhaupt ein Unglück. Sie haben meist den Charakter von Schlagworten und erschlagen in der Tat mit ihrer plumpen Einseitigkeit das Feine und Zarte am Wesen der stigmatisierten Sache. Auch wir nennen uns nicht gern g e 8 e t z e streue Juden, weil diese Bezeichnung nur ein Moment an unserem Judentum hervorhebt, die Treue zum Gesetz, und der Anschauung Vorschub leistet, als sei unser Judentum ausschliesslich eine Gesetzesreligion. Entstanden ist diese Selbstcharakteristik, wie ich zum Beginn meines Vortrages bemerkt, nur im Gegensatz zu jener neu sich bildenden Richtung, die den Abfall vom Gesetze proklamierte. Am liebsten würden