Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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S. R. Hirsch und das gesetzestreue Judentum 19 sein, gegen schiefe Auffassungen zu polemisieren• Eine Stelle aus dem Buche des bekannten Historikers Martin Philippson muss ich aber doch verlesen, weil sie in nuce die Summe aller möglichen Verkennungen enthält. In seiner ״Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes“ Band I S. 183 sagt er: ״Hirsch forderte als erster die Anerkennung der Unantastbarkeit der gesamten schriftlichen UeberlieferuDg des Judentums. . . . Das jüdische Gesetz ist vollkommen und alles an ihm ist fundamental — man hat die Wahl sich voll und ganz zu ihm bekennen öderes zu leugnen. Er wendet sich also in erster Linie an den Glauben und in zweiter Linie an die Vernunft. ... Es ist das gleiche Prinzip, das der christlichen Kirche zu Grunde liegt. Aber die neue Orthodoxie unterscheidet sich auch von der alten und zwar in doppelter Beziehung. Einmal nahmen die neuen Orthodoxen von ihren Gegnern weltliche Bildung, weltliche Schulen, die Predigt an, alles Dinge, die die alte Orthodoxie als Ketzereien mit dem Banne belegt hatte. Und zweitens: Die alte Orthodoxie hatte die strenge Befolgung aller zeremonialgesetzlichen Vorschriften unbewusst als selbstverständlich geübt, während Hirsch und seine Anhänger diese in dem klaren Bewusstsein befolgen, dass sie damit eine besondere und auserwählte Gattung von gottgefälligen Menschen ausmachen, dass ihnen durch ihre ״ Gesetzestreue״ eine vorzügliche Reinheit der Sitten und eine Sicherheit vor Verlockungen der Sünde gewährt wird, wie solche auf anderem Wege nicht erwachsen kann. . . Mit der Sicherheit des fatali stischen Mohammedaners oder des strenggläubigen Katholiken meinen sie ein ganz vom Gottesgedanken getragenes, dem Willen Gottes gemäss vollendetes Leben zu führen.״ Hier ist mit Ausnahme der letzten Worte jeder Satz falsch, wie jedem, auch dem nichtjüdischen Kenner der Geschichte und Literatur des Judentums, ohne Weiteres einleuchtet. Da haben wir zuerst die Vorstellung, dass das Judentum nicht zu allen Zeiten die Verpflichtung auf das geoffenbarte Gesetz angenommen hätte — wir reden hier natürlich nicht vom lieformjudentum, das auf das vermeintliche prophetische Judentum zurückgeht und konsequenterweise jedes Gesetz der Bibel, das über eine rein ethische Forderung hinausgeht, also die Beschneidung, alle Sabbat- Fest- und Speisegesetze für unverbindlich erklären müsste. Hier haben wir zweitens die Zustammenstsellung des gesetzestreuen Judentums mit der Orthodoxie in den christlichen Kirchen, die Verwechselung der