Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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14 S. R. Hirsch und das gesetzestreue Judentum Ewigkeit ist, wie sie dich ewig wachrafen soll zu dem lebendigen Bewusstsein von deinem Doppel wesen, von dem irdisch Vergängliehen und ewig Göttlichen deiner Natur, von dem irdisch Vergängliehen und dem ewig Göttlichen aller deiner Beziehungen, von dem irdisch Vergänglichen und dem ewig Göttlichen des ganzen Menschheitswesens auf Erden? Streiche weg aus deinem Leben Alles, was dich zum Juden macht, streiche aus dem Leben der Menschheit weg Alles, was ihr das Judentum gebracht, Alles was dem Judentume entgegenreift, — und wahrlich du zählst von Nacht zu Nacht und von Nacht zu Nacht zählt mit dir die Geschichte der Menschheit; blütenloser Herbst ist alles Entstehen und zum blutenlosen Herbst welkt Alles zum Tode; und wie auch die Sonne der irdischen Hoheit steigt, der Schatten der Nacht hüllt zuletzt doch mit seinem endlichen Schleier Alles ein; und wie auch der Baum des irdischen Lebens sich prangend entfaltet, dem üppigsten Sommer folgt der Herbst, die Zeit der Stürme kommt, und entblättert stehet das Prangendste da. Was vom Staube geworden, wird zum Staube, ״auf der Weide des Todes gehen sie Alle״ und ״Vergänglichkeit״ predigt das Gerolle und der Schutt der Zeiten. Wehe dir, wenn du dich über diese Vergänglichkeit täuschest, wenn da an die Ewigkeit der Jugend, an die Dauer der Blüten, an die Erznatur des Markes, an den ]Bestand der Hoheit, an die Unverwüstlichkeit des Genusses und der Freuden, an die Sicherheit des Besitzes, an die Ewigkeit irdischer Grössen glaubst, ihnen, als deinen ewigen Göttern dich in die Arme wirfst, ״nachwandelst dem Vergänglichen — und vergehst!״ Wehe dir, wenn du die Thischri-Zählung deiner Jahre erst am Ende deines Lebens, wenn es zu spät ist, lernest! Dreimal aber Wehe dir, wenn dich der jüdische Geist nicht die Frühlingszählung deiner irdischen Jahre gelehrt, wenn dir die Erde ein Leichenhaus wird, in welchem dich überall Gräber anstarren, der lauernde Tod über Alles das Grauen der Verwesung wirft, und die Heiterkeit dir Sünde und der Genuss zum Verbrechen und die Freude eine Torheit wird, und du entmutigst dich zur Erde setzest und mit erstorbenem Blick und mit verkohltem Herzen nur den Seufzer kennest: ״Alles, ach Alles ist eitel!״ Denn sieheI Im jüdischen Geiste, im jüdischen Heiligtum ist Nichts eitel. Nicht über Gräbern ward das jüdische Heiligtum gebaut, der Tod und die Zeichen des Todes blieben fern aus seinen Raumen. Nicht mit Trauerschmerz waren seine Hallen zu betreten, der Freude ward's erbaut. Von Morgen zu Morgen zählte man in seinen Kreisen.