Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1926)
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 610 (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2292929-2293042-2293049--08728-2302010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
610 * Das Karäertum schrieben steht: »Ich, der Herr, hin es der dich heilt“ (Exod. 15,26). Aas demselben Grande dürfe man sich überhaupt nicht Ton Aerzten behandeln lassen. Was die Ursache der erschwerenden Tendenz in Anan’» Gesetzgebung ist, kann nicht festgestellt werden. Vielleicht wirkte hier die schlechte Erfahrung der früheren erleichternden Sekten der Judhaniten und Schadhaniten, die dem ganzen Religionsgesetz nur historische Bedeutung zubilligten. In derselben Richtung werden wohl auch die Reste der Sadduzäer gewirkt haben. Wie dem auch sei, der ananitische Codex ist so ausgefallen, dass seine Befolgung jede Art von Zusammenleben mit Andersdenkenden unmöglich machte. Trotzdem hatte Anan, solange er lebte, eine solche Autorität, dass er all die verschiedenen Schismatiker, die von nun ab den Namen ״Ananiten“ trugen, um sich vereinigen konnte. Das von ihm aufgestellte Prinzip: חפישו באוריחא שסיר (untersuchet gründlich die Lehre!) war ja die Grundlage aller anderen antirabbinischen Sekten, die die Tradition verwarfen und deshalb ist es nicht verwunderlich,' dass Anan bis zu seinem Tode (ca. 790—800) von allen Sektierern als Oberhaupt anerkannt wurde. Allmählich haben die Ananiten (der Name Karäer ist viel später aufgekommen) die richtigen Konsequenzen aus der rigorosen Lehre Anans gezogen, die es ihnen unmöglich machte, auch nur in einer Stadt mit NiShtjuden zu leben, und begaben sich daher nach Palästina, hauptsächlich nach Jerusalem, wo sie ein streng asketisches Leben führten. Unter solchen Umständen konnte aber die Sekte nicht lange weiterbestehen und war dem Untergang geweiht. Die Entwicklung der Sekte hat deshalb eine andere Richtung eingeschlagen und hat während fast zweier Jahrhunderte eine ganze Reihe von Entwickelungen durchgemacht, bis sich im X. Jahrhundert das Karäertum als etwas ein- Üeitliches herausbildete. In der Zwischenzeit wurde die Sekte wie ein Schiff ohne Steuer nach -allen möglichen Richtungen getrieben, nachdem sie den Anschluss an das traditionelle Judentum verloren hatte. Die Gesetze wurden von den verschiedenen Häretikern verschieden gedeutet, was der eine erlaubte, verbot der andere. (Fortsetzung folgt)