Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1926)
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 538 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2292929-2293042-2293049--08656-2301938- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
538 Die religiöse Tat Handlungen (und die logische Folge davon wäre, dass nur das in der Zahl der Verbote eingeschlossen sein kann, was tatsächlieh ethisch-negativ ist), so könnten sie niemals aufgehoben werden: Was unethisch ist, bleibt unethisch; ausnahmslos in allen Fällen. Da aber die Verbote wie der ganze jüdische Gesetzeskomplex erzieherische Bedeutung haben, kann ein Verbot ausser Kraft gesetzt werden, wenn dem zu gleicher Zeit zu erfüllenden Gebot, das an seine Stelle tritt, der höhere erzieherische Wert innewobnt.(עשה דוחה לא תעשה תקא דבעידנא דמיעקר לאו מקיים עשה). Es ergibt sich also, dass man nicht so sehr von einem religiösen Wertunterschied zwischen den einzelnen Gesetzen sprechen kann — sie gelten ja, wie bereits ausgefiihrt, alle als gleichwertig — sondern vielmehr von einem erzieherischen Interesse, das hei einem zeitlichen Zusammentreffen dem positiven Gesetz den Vorrang einräumt. Warum wohl? Weil das Ziel jüdischer Erziehung im Auslösen von positiven aufbauenden Handlungen besteht, während die Verbote nur niederreissen. Ein Mensch jedoch, der in einem solchen Falle sich zur Verwirklichung des Gebotes durchzuringen versteht, hat nicht nur niedergerissen, sondern auch gleichzeitig aufgebaut. Das Judentum erzieht den Menschen zur Herrschaft über seine Triebe, zu dem Zwecke, dass er sie aktiv werden lassen kann in erlaubten und gebotenen Handlungen; erwecke positive Kräfte dadurch, dass er ihnen Gelegenheit zu Betätigung gebe, in Form der־ Erfüllung der autoritativen Gebote und der anderen positiv-religiösen Handlungen, die er aus freier Entschliessung übt, deren Zahl in letzter Linie unbeschränkt ist und sein muss. Nicht Negativismus, sondern Positivismus, nicht Passivität, sondern Aktivität lässt den Menschen zu sittlich freier Persönlichkeit reifen.