Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1926)
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 532 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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532 Die religiöse Tat Von besonderer Wichtigkeit ist nun die Tatsache, dass die von dem Innenleben ausgelösten menschlichen Aussehkräfte rück- ־wirkend wieder das Innenleben beeinflussen. Wenn der Mensch beim Anblick eines herrlichen Naturbildes, das sich ihm unerwartet bietet, in Worte des Entzückens ausbricht, so ist das ein den obigen Beispielen adäquates: er spricht, um seinem Herzen Luft zu machen. Sieht er sich aber veranlasst, einem anderen Menschen gegenüber diese Schönheiten zu schildern, 80 wirken seine begeisterten Worte nicht nur auf seine Zuhörer, sondern auch auf ihn selbst. Seine eigene Begeisterung wird gesteigert, auch in dem Falle, dass neue sachliche Momente dafür nicht gegeben sind. Einzig und allein, seine ״leeren Worte“ wirken. Wie charakteristisch drückt dies der Volksmund aus: ״Er redet sich in Begeisterung hinein“! Solche Aussenkräfte, die die Fähigkeit haben, Innenkräfte auszulösen, müssen durchaus nicht ihre Quelle im Innenleben des Menschen haben. Wir alle fühlen im Leben des Alltags, dass äussere Formen, Handlungen und Gewohnheiten, auch wenn wir sie als — von aussen an uns herangetragene, durch Erziehung oder bewusste Angleichung an die Aussenkulturformen der Um• weit uns anerzogene — Aeusserlichkeiten üben und vielleicht sogar bewusst als solche üben, doch im Stande sind, in uns diejenige Einstellung des Innenlebens zu schaffen, die durch die Aussenformen ausgedrückt werden sollen. Um wieviel grösser ist die Wirkung einer äusseren Tat, welche vollzogen wird im Bewusstsein und mit dem ausdrücklichen Willen, durch sie auf das Innenleben eine Einflussnahme zu gewinnen. In der Heilsarmee wird durcli das Verbot, widerwärtige Gefühle durch Gebärde und Mienenspiel zum Ausdruck zu bringen, erreicht, dass sich unwillkürlich der Mensch dazu erzieht, unangenehme Erlebnisse auch innerlich zu überwinden. Und wer hätte die Wahrheit des Wortes: ״Das Schweigen des Mundes ist ein grosses Mittel zum Frieden des Herzens“, nicht schon an sich selbst erprobt!