Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1926)
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 526 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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626 Die religiöse Tat Fülle von sinnlichen Trieben, die unbedingte Gefolgschaft, restlose Befriedigung verlangen, selbst wenn die Stimme des Ge- Wissens laute Warnungsrufe ausstösst. Was ist da natürlicher, als dass der Mensch, in dem der Wille zum Geistigen lebt, diese Welt flieht; eine Stätte aufsucht, eine Lebensbetätigung wählt, die das Minimum von Irdischem in sich trägt, damit er so das Maximum von Geistigem leben kann. Doch nein, der Weltenschöpfer hat die materielle Welt geschaffen. Er ist reingeistig und soll eine materielle Welt schaffen können? Er ist allgütig und soll den Menschen in die Welt des Bösen gesetzt haben? Er ist allgerecht und will den Sohn der Erde strafen, weil er sich der Fesseln nicht erwehrt, in die Er selbst ihn geschlagen hat? Das Judentum kennt, so scheint uns, den scharfen Gegensatz, den Dualismui zwischen materieller und geistiger Welt nicht, wie er in anderen Weltanschauungskreisen in Erscheinung tritt (z. B. unter den Namen Ormuzd und Ahriman, Licht und Finsternis). Materie ist wie die Frucht des Baumes, die, zuerst ungeniessbar, in sich selbst und aus sich selbst heraus die wahren Lebenskräfte, Fruchtsäfte entwickeln lässt, bis Schale und Kern allmählich sich voneinander lösen und am Tag der Reife die Schale sich öffnet, zu Boden fällt: die Frucht ist erwacht. Materie enthält geistigen Kern, ihr wahres Leben ist das Geistige. Materie liegt nicht mit dem Geistigen im Kampfe, sondern gestaltet sich selbst — sich überwindend, über sich hinauswachsend — zu geistigem Gut. Materie ist Vor- Stadium für das Geistige, ebenso wie auch ihre Wurzel bei Gott im Geistigen liegt. Materie ist eine Umformung der Geistigkeit, als welche sie aus der göttlichen Schöpfungshand hervorgegangen ist. Und des Menschen Aufgabe ist es, sie als geistiges Gut in die Hand Gottes zurückzulegen, indem ״das Böse“ der Erde von ihm zu einer Quelle \ des Guten gestaltet wird.