Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 491 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2292929-2293042-2293048--08591-2301873- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Bibel als Quelle usw. 491 Abfall von der Heiligkeit Gottes gezeichnet, jede kultische Einrichtung wird zum Volkserziehungsmittel, jedes Fest (es mag früher, vor der mosaischen Gesetzgebung, auch Ernte-, Frühlings- Dankfeste gegeben haben) wird zum Gottesdankfest erhoben — zur Erinnerung an die Befreiung in Aegypten — und durch Ehrfurcht und Demut vor Gott geweiht. Selbst der Opferritus zeigt schon in seiner Urform, beim Opfer Abels, in der Bibel keinen blutgierigen, barbarischen Charakter. Wir können somit das abschliessende Urteil aussprechen: Die jüdische Gesetzeslehre, als eine Lehre der Offenbarung Gottes an die reine Vernunft und das Recht, bietet der folkloristischen Wissenschaft kaum nennenswerte Handhaben zur Forschung, denn sie trägt fast überall streng rationellen Charakter. Vergleiche der jüdischen Kultur mit denen der Primitiven sind wenig fruchtbar, wenig beweiskräftig (Analogien sind noch kein Beweis!), der Abstand der Kulturen ist ein viel zu grosser: der Kulturzustand, den die Bibel voraussetzt, ist ein viel zu differenzierter, der Gesellschaftszustand ein viel zu komplizierter, als dass er durch die einfachen, meist fast einfälligen Anschauungen heutiger primitiven Barbarenstämme erklär^ und die Gedankengänge miteinander identifiziert werden dürften (wie es namentlich die englischen Folkloristen Andr. Lang, Robertson Smith, I. G. Frazer sich zum Ziele gesetzt haben). Die grossen Rätselfragen, vor die uns manche biblischen Institutionen (die חקים) gestellt, werden durch die geistesarmen Anschauungen heutiger Primitiven kaum zu einer Lösung gebracht. Das Göttliche, von Ewigkeitshauch Umwitterte der biblischen Gesetzgebung lässt sich, wie Urmutter Natur, so leicht des Schleiers nicht berauben. ״Wissenschaftliche״ Versuche zur Erforschung der letzten Ursachen dieser Gesetze haben sich bisher als wenig ertragreich erwiesen. Dies hat sich aufs neue durch die grossangelegte, unendlich fleissige, nur allzu kombinationslustige Arbeit I. G. Frazers, der diese Besprechungen gewidmet waren, eklatant erwiesen. — Eine viel grössere Ausbeute in dieser Richtung verspricht dem Folkloristen wohl der Talmud, wo Spuren mythologischer