Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 490 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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490 Die Bibel als Quelle usw. Vordringen will und zur Erklärung höherer Religionsinhalte (wie die jüdischen) primitive Kulturformen und Gedankengänge für ausreichend hält. Sie versagt und muss hierin versagen, weil das jüdische Thoragesetz überall die höhere Religionsform gegenüber der Volks- und Nomadenreligion, die ringsum bei den Völkern herrschte, herzustellen anstrebt und überall von dem Gedanken geleitet wird, jede Spur magischen und mantischen Zauberglaubens im jüdischen Volke mit Stumpf und Stiel auszurotten und aus Aberglauben, aus ländlichen Bräuchen und naturalistischen Kulten einen reinen Gotteskultus mit einer hohen Moralidee als Endziel zu schaffen 1). ״Juden und Christen — und nach ihnen der Islam — bildeten eine Lehre aus, die sich innerhalb einer heiligen Tradition entwickelte, aber nicht von Kult, nicht von Mythen handelt, sondern auf einem einheitlichen Prinzip des Göttlichen und dessen Begegnung mit der frommen Persönlichkeit beruht״. (Chantepie, Religionsgeschichte, L c., I p. 102) Zweck und Ziel der jüdischen Gesetzgebung ist die Ausbildung der jüdisch-ethischen Persönlichkeit, die Erziehung Israels zum Gottesvolke, zum Träger des Heiligkeitsideals. ״Nur das Alte Testament hat konsequent theologische Haltung, Gott als der überlegene selbsttätige Schöpfer״. (Chantepie, 1. c.) Nirgends in der Bibel finden sich Spuren kosmogonischer Mythenbildung, nirgends eine Beseelung der Natur oder gar bis zur Vergottung der Elemente gesteigerte Naturanbetung, nirgends eine sichere Spur von Heroen- oder Ahnen — oder Seelenverehrung, die zu einer festen Institution oder Kultform führte. Vielmehr Gott von Beginn des Schöpfungsberichts der zwecksetzende, gesetzgebende, sittlich waltende Weltordner, Gott von Anfang an das Idealbild menschlichen Handelns und Strebens. Und so wird das Sitten- und Humanitätsgesetz in der jüdischen Lehre zum religiösen Gesetz erhöht, ein Verstoss gegen die Rechtsnorm wird als Sünde, als J) Zwar wird in praxi noch manche heidnische Sitte und mythologische Vorstellung im Volke geherrscht haben (s. Jesaja VIII14 gegen die herrschende Totenbeschwörung, ibid. III, 3 gegen die Zauberkundigen; jedoch das biblische Gesetz hält sich frei von mythischen Einflössen und Vorbildern.