Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 469 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Reform, eine historische Perspektive 469 Die Urbedeutung des lateinischen Wortes ״religio“ ist religiöses Bedenken. Der Ur-Sachverhalt des Religiösen im Allgemeinen ist damit gegeben: der Sterbliche hegt Zweifel und Furcht, er könnte der überirdischen Macht in seiner Ergebenheit nicht Genüge getan haben. Hieraus resultiert die Hilfsbedürftigkeit als Triebkraft der Religiosität, Gnade als Stärkung des religiösen Wollens, wie sie auch im Christentum dominiert. — Tatsachenhaft erwächst im Gegensatz hierzu das Judentum aus der ewig verpflichtenden Zusicherung, die Gott unserem Vater werden liess, seinem Volk nah zu sein. Aus dieser Grundtatsache ersteht das Leitmotiv jüdischen Lebens: שריתי, ד לנגדי תמיד. Um so Judentum (mit Verlaub: nicht jüdische Religion) leben zu können, halte man sich sein Selbst stets vor Augen. Gottbewusst leben ist Judesein, auch kann es Gott begnaden, jedoch nicht im Wollen (הכל בידי שמים חוץ מיראת שמים). Damit ist der Ur־Sach verhalt des Mussar gegeben: jüdisches Gewissen. Als der machtvolle Strom des irrationalen, volksbelebenden Chassidismus in das Gebiet des jüdischen Litauen ein dringen wollte, da setzte ihm die durchgeistigte jüdische Masse dieses Landes einen Damm. Aber konnte man sich innerhalb der ״Misnagdim“ der Wahrheit verschliessen, dass der ideale Gehalt der Thora bei der Mehrheit der Vernachlässigung anheimfiel?60) Rabbi Chajim von Woloschin unternimmt es im נפש החיים, seine Ansichten über den Gottesdienst der Juden klarzulegen und auch in seiner Jeschiwa war er bemüht, wahre יראה den Jüngern einzuhauchen. Doch es konnte nicht mehr sein als Beeinflussung des Einzelnen. R. Sundei in Salant, ein Schüler dieses R. Chajim, war ein schlichter Jude, der sein Leben der Thora weihte. Ihm folgte unbemerkt auf seinen Spaziergängen der kleine Israel, der den verehrten Lehrer Worte der Ermahnug und Selbstbetrachtung vor sich hinsprechen hörte. Und von diesem Manne bekannte R. Israel Salanter in späteren Jahren, dass 6°) Vgl. zu Folgendem J. Weinberg, Von den litauischen Moralisten Jeschurun V, 600 ff. sowie R. Jisroel Salanter und die Mussarbewegung in -Jeschurun VII. und VIII.