Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 449 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Reform, eine historisch« Perspektive 449 dem Genüsse philanthropischer Freiheit erweckt werde?!“ Mendelssohn bejahte die Geistesbrüderschaft mit dem Wirtsvolke wie er auch die Hebung der materiellen Lage der Juden von Herzen wünschte. Er schreibt einige Jahre später an seinen Freund Hennings8): ״Meine Nation ist in einer solchen Entfernung von Kultur gehalten, dass man an der Möglichkeit einer Verbesserung verzweifein möchte“. In Anbetracht des'materiellen Wohlstandes und des Bildungsstrebens im damaligen Preussen ist ein solches Urteil begreiflich, aber neuartig im Munde eines Juden jener Zeit, ״die inmitten ihres Volkes wohnten“, in welchem traurigen Zustande auch immer der Groll der Wirtsvölker sie beliess. Hier spricht einer von draussen. Und schon vor der Ankunft Mendelssohns in Berlin gab es vereinzelt Juden, die auf Grund ihres Reichtums Verkehr mit Nichtjuden unterhielten, in denen sich drum heimlich das Streben nach Bildung geregt hatte und die deshalb — draussen standen. Mendelssohn wurde schon in den ersten Jahren seines Berliner Aufenthaltes ein philosophisch gebildeter Mann. Dass er die religiösen Satzungen hielt, haben wir keinen Grund zu bezweifeln. Wohl aber ist festzustellen, dass, obgleich Moses Dessau in späteren Jahren noch ״gut lernen“ konnte, sein Interesse am Thora-Studium von Jahr zu Jahr schwand. Geistige Energien sind je nach Veranlagung ein kleineres oder grösseres Quantum — je mehr man für ein Interessengebiet entnimmt, desto weniger bleibt für das andere übrig, ein Umstand, der für die gesetzestreue Jugend das grösste Problem darstellt, mit dem sie zu ringen hat. ״Nach dem ersten Plane meines Lebens“, schreibt Mendelssohn in jenem Briefe an Hennings, ״wollte ich mich bloss darauf einschränken, des Tages seidene Zeuge verfertigen zu lassen und in Nebenstunden der Philosophie einige Liebkosungen abzugewinnen“. Und wenn man ausserdem einen solch edlen Freund wie Lessing zur Seite hat, der dem missgewachsenen Juden Tür und Tor des geistigen Berlin zu öffnen weiss, so ist es nicht verwunderlich, wenn immer mehr Eindrücke auf den Ghettojuden einstürmen, 8) Kayserling S. 287.