Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 446 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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446 Reform, eine historische Perspektive von Ursache und Wirkung geht, sondern als Letztes um ein Erleben der Geschichte, um ein Erleben, ״wie es eigentlich gewesen ist“ (Ranke) und warum es so geworden ist. Nur so kann das Studium der Geschichte Gegen wartswert haben. Und wenngleich frühere Epochen gegenüber der neuesten Vergangenheit in Uebersicht und Unvoreingenommenheit der Betrachtung wesentliche und wissenschaftlich massgebende Vorzüge haben, so ist es für einen weiteren Kreis zweifellos dennoch wertvoller, sich eine Zeit in ihrem Streben und Irren zu vergegenwärtigen, die ihre offenbaren Wirkungen in unseren Tagen noch nicht eingebüsst hat. Eine solche Epoche ist für uns Esräer die Zeit der Reform. Die Bedeutung des Wortes ״Reform“ ist klar. Es ertönt zu Beginn des 11. Jahrhunderts, als man vom Kloster Cluny aus nach einer Reform der verweltlichten Geistlichkeit ruft, es findet seine Wiederauferstehung in dem Rufe des 15. Jahrhunderts nach reformatio ecclesiae in capite et membris. Man fordert mit diesem Worte keine Neuerung, sondern eine radikale Rückführung mit Abkehr von der Gegenwart, die Beseitigung der Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis der Kirche. Erst die protestantische Fassung enthält jene Forderung der freien Gestaltung, die nicht historisch bestimmt, sondern nur historisch fundiert ist. Doch blieb die Reformation in ihrer Blütezeit stets ein Rückwärts-Blicken, das fortschrittliche Element fehlte damals fast völlig- In dem Sinne, in dem die Welt ihren Fortschritt aufzufassen gewöhnt ist, Toleranz, Freiheit im Wissen und Tun, in diesem Sinne ist die Persönlichkeit Luthers geradezu das Gegenteil. Waren nicht die starrsten Führer des Katholizismus aller Jahrhunderte liberal gegenüber einem Luther, der die Vernunft eine ״Hure“ nannte und Aristoteles als den grossen Heiden verachtete? Diese Feststellung des Begriffs der Reform (= Reformation), dass sie ursprünglich allein rückschauend oder bewusst historisch ist, war nötig, um zu erkennen, dass wir den Ur-Begriff להבדיל in der jüdischen Geschichte seit altersher kennen. תיעובה gilt nicht nur für das Individuum, תשובה ist ein Lebenselexir