Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 322 (sequence 98)
- Language
- German
- Belongs to
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322 Die Rougon-Macquart einwenden, der in jenen berühmten Fällen auch nur deshalb eingeschritten,weil es sich um Fälle handelte, die wegen ihrer prinzipiellen Bedeutung die Oeffentlichkeit weit über Frankreichs Grenzen erregten. Es ist nicht wahr, was Harden uns auftischt, Zola wäre ebenso gut Antisemit gewesen, wie viele andere Schriftsteller und er habe nur den Dreyfusfall deshalb aufgegriffen, weil er, nachdem seinem literarischen Ehrgeiz Genüge geschehen, nun gern an weithin sichtbarer Stelle eine politische Rolle spielen wollte. Gerade die Rougon-Macquart, deren Abfassung doch fast über ein ganzes Menschenalter sich erstreckt, sind der klassische Gegenbeweis. Wie wäre hier, wo doch alle Stände in allen ihren Beziehungen uns vorgeführt werden, für einen Uebelwollenden, die Gelegenheit gegeben, die Juden an den Pranger zu stellen. Ich erinnere mich nur einer einzigen Stelle im ״Zusammenbruch“, wo Juden die Hyänen des Schlachtfeldes sind. Im ״Geld“ ist der grosse Börsenspekulant Saccard freilich Antisemit. Aber was er sagt, ist wahrlich nicht die Meinung Zolas, sondern soll nur Saccards Neid charakterisieren. Gundermann ist, wenn es Rothschild sein soll — freilich ganz unmöglich gezeichnet, aber in der Solidität seines Geschäftsgebahrens als Gegenstück Saccards mit Liebe geschildert. Wie den Juden gegenüber, deren Behandlung nur zu oft der Masstab des Gerechtigkeitssinnes ist, so hat auch Zola in den Rougon-Macquart für die Gerechtigkeit innerhalb der Menschheit gekämpft. Man kann es hier überall verfolgen, nirgends aber mehr als in seinem gewaltigsten Werke: im ״Germinal“. Als solches habe ich dieses Werk immer empfunden. Warum ist hier der Eindruck ein so tief gehender und mit jeder Lektüre sich immer von neuem verstärkender. Warum verschwindet diesem Werke gegenüber, alles, was sonst von Dichtern uns an Schilderungen sozialen Elends gegeben worden ist, warum sind hier auch Hauptmanns ״Weber“ nur das Stammeln eines Talents gegenüber der Offenbarung eines Genies? Warum vergisst man hier all das elende sexuelle Beiwerk, das Zola leider nicht hat unterdrücken können, und die ganze Fabel, die Fritz Mauthner in ihrer Albernheit besonders gut gekennzeichnet 1). l) In den oben erwähnten ״Kritischen Aufsätzen“.