Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 321 (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Rougon-Macquart 321 weit abstehen wird, es wäre unmöglich, dass sieh eine so ungeheure Kluft zwischen Peter Roseggers מErdsegen״, der in gewissem Sinne das gleiche Thema behandelt und Zolas ״la Terre״ auftäte, wenn Zola hier in Wahrheit Realist wäre. Diese Uebertreibung — um eines Stückchen Landes willen werden der Bauer und seine Frau zu Mördern an Mutter und Vater und Schwester — richtet sich selbst. Und weil Zola so gar kein inneres Verhältnis zur Religion hat, darum kennen auch seine Gestalten nicht die Kraft, die aus der Religion strömt, auch für die Menschen, die mitten im Leben stehen — ich denke nicht an die z. T. noch verzeichneten Priester in der ״Sünde des Abbe Mouret“, dem ״Traum“, ״am häuslichen Herd“ ״Eroberung von Plassans“ — darum die völlige Widerstandslosigkeit fast all seiner Gestalten gegen ihre Triebe und Leidenschäften, darum das Fehlen jeder Hemmung, wie sie auch in dem der Religion Entfremdeten schon durch die Macht der Vererbung gegeben ist, die ja hier nicht nur durch wenige sondern durch unzählige Generationen weiter wirkt. Wohlverstanden! Nicht als ob wir glaubten, die Macht der religiösen Gefühle gäbe immer in jedem Einzelfalle die Kraft zum Widerstande. Aber dass sie in all den hunderten von Fällen, die Zola vorführt, nie und nirgends zur Geltung gelangt, das lassen wir uns nicht aufreden, selbst wenn es sich um die verrotteten Zustände im zweiten Kaiserreich und um die Familie Reugon-Maequart und all die handelt, die mit ihr in irgend einer Beziehung stehen. Aber wenn wir in den Rougon-Macquart die Menschen auf so tiefer Stufe erblicken, so ist es doch letzten Endes das tiefe Mitleid mit dieser durch die Verhältnisse und die mitgebrachte unglückliche Erbschaft leidende Menschheit, das Zola überall die Feder führt. Ein starkes ethisches Pathos schimmert durch. Nein, Zola war nie der schlaue Spekulant, als den ihn seine Gegner ausgeben. Wir sind vielleicht befangen, wenn wir als Juden um seiner Aufopferung im Dreyfusprozess willen besonders geneigt sind, ihn unter die grossen geschichtlichen Kämpfer für die Gerechtigkeit einzureihen. Aber wenn der Täufling Maximilian Harden Zola vorwirft, dass er nicht für andere schlichte Männer eingetreten, an denen ein Justizverbrechen verübt, so könnte man dasselbe gegen Voltaire 7