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Jeschurun · 1926-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1926) · p. Seite 319

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
13 (1926)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1926)
Date
1926-05-01
Page
Seite 319 (sequence 95)
Language
German
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Die Rougon-Macquart 319 aller Romangestallten, in dem der Anteil am Blute der Ahnen nach Aehnlichkeit und Verschiedenheit geuau beschrieben, in dem von Verschweissung und Verschmelzung uns erzählt wird, das alles macht doch den Eindruck eines ״pedantischen“ Scheinwissens. Zum mindesten, was die Darstellung der Gesamtfamilie betrifft. Dass einzelne Gestalten, wie besonders die Nanas, Jaques Lantiers u. a, sich aus der Erbanlage, die sie mitbekommen haben, erklären, ist kein Zweifel. Bezeichnend aber, dass wir im ״Germinal״, das aus den Rougon - Macquart wie ein Gipfel ragt, nicht den leisesten Zusammenhang mit der Familiengeschichte spüren. Der Käme Etienne La n t i e r ist das einzige Band. Alles, was Zola in ״Dr. Pascal“ uns von der revolutionären Anlage, die Etienne mitbekommen bat, erzählt, ist nachträgliche Konstruktion. Und dass Zola in dieser Hinsicht mit seinem grossen Romanzyklus Fiasco gemacht hat, ist nur zu verständlich. Er soll ein grosser Beweis sein für die Macht der Vererbung und des Milieus. Als ob es eines solchen Beweises je bedurft hätte. Als ob wir nicht Tag für Tag auf diese Wahrheit stossen, als ob nicht jede Beobachtung uns von der Bedeutung der ererbten Veranlagung und der Einflüsse der Umgebung überzeugte. Aber er wollte auch den Gesetzen dieser Kräfte nachspüren. Und diese sind uns verborgen wie am ersten Tage, und alles was Zola darüber fabelt, zeugt von einem blutigen Dilletantismus, der sich manchmal so hilflos gebärdet, dass diese Partieen besonders in ״Dr. Pascal״ in einem mitleidenswerten Banausentum sich geben. Und noch ein zweites: Die ausschliessliche Vorherrschaft, die er diesen Kräften einräumt, hat auch der Wahrheit seiner Gestalten Abbruch getan. Ein so gewaltiger Künstler wie Zola hätte schiiesslieh doch auch vermocht, Menschen von Fleisch und Blut auf die Beine zu stelleD. Es ist bekannt, dass man Zola in erster Reihe einen Romantiker genannt und Georg Brandes, wiederum wohl einer der berufensten Beurteiler, hat in der geistvollen Skizze ״Emil Zola“ ihn als Symbolisten gezeichnet. Seine unerreichte Meisterschaft beweist er in der Darstellung des Typischen. Und es liegt eine bittere Ironie darin, dass diese Grösse des Naturalismus gerade in der Gestaltung von Menschen so völlig versagt hat•

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