Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 317 (sequence 93)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Rougon-Macquart 817 bis zum Keller, wir lernen alle Gerüche kennen .... wir schauen hinter alle Türen, wir belauschen die Dienstmädchen. Und überall sehen, hören und riechen wir dasselbe. Wenn Zola nicht ein so schlauer Spekulant wäre, man müsste ihn für einen Wahnsinnigen halten, dessen Gehirn nichts mehr vorzustellen vermag als das eine, wovon man nicht spricht. Wovon man nicht ״spricht.“ Aber es ist vielleicht eine Heuchelei, dass man nicht davon spricht. Er ist vielleicht dem grossen Prinzip des Naturalismus gestattet, die alten Schranken der Kunst zu durchbrechen und ein grosses neues Feld zu eröffnen. Es ist vielleicht doch unkünstlerisch, sich um den Stoff zu bekümmern. Gemach! Alles hat schliesslich seine Grenzen, sagt Horaz, der doch auch kein Tartüffe war. Es ist einfach nicht wahr, dass die Welt so aussieht wie Zola sie schildert. Die Elemente sind vorhanden, ja, aber einen so grossen Haufen ununterbrochenen, ungemischten, unparfümierten Schmutzes gibt es nicht. Dieser Schmutz ist dichterische Phantasie, so gut Phantasie, wie etwa die geleckten Schäfer und Schäferinnen einer Gessnerisehen Idylle.“ ״Der einzige Zauber, den Zola in ״Lebensfreude"‘ zu üben vermag, ist für ein hysterisches Geschlecht bestimmt. Er gefällt sich darin den Kitzel auf überreizte Gemüter nicht mehr durch obscöne, sondern durch unendliche anatomisch-pathologiscbe Bilder zu versuchen. Das Ekelhafte zum Prinzip erhoben wirkt nicht erfreulich. . . . Und Zola plätschert in seinem Element nicht einmal mit Behagen; er ist mehr als je Pedant. — Wir aber, die wir uns Pedanterie nicht einmal dort gefallen lassen wollen, wo sie sich eines edlen Stoffes bemächtigt, wir wollen auch den Pedanten des Schmutzes nicht dulden. ... Es kann nicht oft genug wiederholt werden, dass nicht sein ungeheures Talent, nieht seine bedeutende Künstlerschaft Zolas Erfolge bei der Masse geschaffen haben, sondern seine gefälligen Eigenschaften, die er mit den schlimmsten Erzeugnissen der Kolportage gemein hat. Zola hat eine andere Art der Hintertreppenliteratur geschaffen ... er sieht und hört mit den Sinnen eines Kammerdieners oder -Jägers und hat darüber völlig vergessen, dass in der guten Stube der herrschaftlichen Wohnung vielleicht doch ein Mann oder eine Frau sitzen kann, deren inneres Leben nicht durch die alltäglichen Bedürfnisse ausgefüllt werden. — Gewiss, der Kot bildet auf Erden die grössere Masse. Aber die Natur, nach welcher der Naturalismus sich nennt, bedeckt ihn gnädig mit einem freundlichen Pflanzenwuchs. Andere Dichter sehen auf dem Mistbeet die Blume allein; Zola sackt säuberlich den Mist ein und lässt die Blume liegen.“ Mauthner bespricht im gleichen Sinne noch eine Reihe von Bänden der Rougon-Macquart und schliesst: ״Vielleicht wird aus seiner Schule der Dichter der Gegenwart hervorgehen, der auf Zolas Schulter stehen und darum in freier Luft atmen wird, wenn