Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1926-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1926) · p. Seite 314

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
13 (1926)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1926)
Date
1926-05-01
Page
Seite 314 (sequence 90)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2292929-2293042-2293046--08378-2301660
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

314 Die Rougon-Macquart Und nun gar der gelehrte ״Dr. Pascal“, die Verkörperung eines Altruismus, der kaum von dieser Welt. Es müsste denn sein, dass er sich durch seinen Entschluss der Flucht in die Einsamkeit der Macht der erblichen Veranlagung entzogen und die des Milieu (hier die ausschliessliche Beschäftigung mit der Wissenschaft und die soziale Betätigung) zur Vorherrschaft gebracht. Wobei freilich der Zirkel, dass diese Willensenergie nach Zolascher Auffassung wiederum durch erbliche Veranlagung determiniert. Dr. Pascal ist bekanntlich das Sprachrohr Zolas für die wissenschaftlichen Theorieen, die dieser seiner ganzen Romanserie zu Grunde gelegt. Die entscheidende Bedeutung des Milieus soll uns nun an den Kindern des Aristide Rougon-Saccard und seiner Schwester Sidonie Rougon der fünften noch nicht erwähnten Tochter Pierre Rougons yordemonstriert werden. Angelique Rougon aus einem unzüchtigen Zusammensein der Kupplerin und Wucherin Sidonie hervorgegangen, aus dem Findelhaus zu ehrbaren Kunsthandwerkern einer kleinen Provinzstadt versetzt, wächst am Fusse der Kathedrale unter den Einflüssen kirchlicher Gläubigkeit zu jener reinen Gestalt, wie sie Zola sonst nirgends gelungen (denn jene Pauline in הLebensfreude“ ist m. E. in ihrer seltsamen Aufopferung, von Zolaschem Standpunkt aus, höchst unwahrscheinlich. Nicht dass sie sich ausbeuten lässt. Die Guten sind oft für das praktische Leben die Dummen. Aber jener Verzicht zu Gunsten der Nebenbuhlerin ist wenig begründet, wenn wir auch merkwürdiger Weise in dem Schicksal der Gattin Zolas dazu ein Seitenstück haben. Nur dass es sich hier um das Opfer eben für einen Zola handelte). Victor Rougon, aus einer Vergewaltigung, Gestalten überragt, schwer ins Gewicht fällt. Grandios die Antithese der ersten Blätter und der letzten: Wie dem ungebildeten Sergeanten aus der Kolonie, der vor Durst verschmachtet nach dem zweiten Glas Bier, weil er die paar Centimes nicht besitzt, in der Vermählungscene in der Kathedrale mit der Tochter des Bankfürsten ganz Paris zu Füs3en liegt nach einer Karriere^ die er recht eigentlich nur seinem schönen Schnurrhart verdankt und einem robusten Gewissen, das sich durch die Anwendung auch schlechter Mittel nicht bedrückt fühlt. Uns aber glaubhaft zu machen, dass aus einem erwachsenen Menschen, der völlig ausser Stande ist, seine Reiseerlebnisse im Worte zu kleiden, ein Journalist wird, der durch seine politischen Artikel die Minister stürzt, darum hat Maupassant sich wenig bemüht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.