Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 260 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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260 Die Bibel als Quelle usw. Barbarenvölker gemeinsame Denkformen herzustellen und jene an der Hand dieser nach ihrer Entstehung womöglich aufzuhellen. Ein grossangelegter wissenschaftlicher Versuch dieser Art liegt uns vor in dem dreibändigen Werke des bekannten englischen Gelehrten Sir Y. G. F r a z e r, Folklore in the Old Testament, Studies in Comparative Religion, Legend and Law (London, Macmillan, 1919—20), ein Werk, das von tiefem Ernst, seltener Beherrschung der Quellen, ungeheurer Belesenheit und Gelehrsamkeit des Verfassers, aber auch von der ehrfurchtsvollen Scheu vor dem Worte der Bibel ehrendes Zeugnis ablegt. Nirgends ein herabsetzendes Wort, eine leichtfertige Aeusserung über eine jüdische Institution oder Erzählung des Bibeltextes, obwohl der Verfasser gleich zu Beginn seinen Wellhausenschen Standpunkt präzisiert und keineswegs den Worttext in seiner Integrität belässt (wie wir bald ersehen werden). Nirgends der ausdrückliche Versuch, jüdische Satzungen als ethisch minderwertig zu brandmarken. Ueberall wird wissenschaftliches Konstatieren und möglichst objektiver Sammelfleiss mit Liebe zur Sache angestrebt. Auch befleissigt sich der Forscher nach echtenglischer Art äusserster Knappheit der Form und hütet sich im allgemeinen vor gewagten Schlussfolgerungen. Wie ein Anatom trennt er Glied für Glied, setzt leidenschaftlos scheinbar Verwandtes nebeneinander und enthält sich in den meisten Fällen persönlicher Stellungnahme und Werturteile. Diese vornehme Methode sticht vorteilhaft ab von der verletzenden Art mancher deutschen protestantischen Bibelforscher (Delitzsch, Gunkel, Kittel usw.), deren Voreingenommenheit sie leicht im pentateuchischen Gesetz und der Patriarchenreligion eine Ausgeburt blinden Aberglaubens und primitiver Anschauungen wilder Nomadenhorden erblicken lässt, eine tendenziöse Dar- Stellung von deren dunklem Hintergrund die vom ״Gesetz“ geläuterte ״ Geistesreligion״ des Christentums desto strahlender sich abheben lässt. Dennoch werden wir, trotzdem wir die Objektivität des Verfassers rühmend hervorgehoben haben, im folgenden vielfach Gelegenheit haben, unsern abweichenden Standpunkt zu erklären,