Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 258 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2293042-2293046--08322-2301604- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
258 Chajim Nachman ßialik als Jude. Grunde hat er — höchst merkwürdige Erscheinung! — nur 10—15 Jahre hindurch eigentlich schöpferisch gestaltet. Dann ist er — als Dichter — fast verstummt. Unberufene haben dieses Schweigen immer wieder zu durchbrechen versucht; man sollte es lieber in seiner Grösse ehren und in seiner Wurzel zu erkennen suchen. Stammt es nicht vielleicht aus dem Glauben an die Kraft der ״unge weinten Klage״, aus dem Vertrauen auf die ״Einsamkeit״ und der schöpferischen Unsicherheit eines Menschen, dessen tiefer Blick alle Scheinlösungen durchschaut und ihn das Warten, freilich das tätige Warten gelehrt hat? Wenn dem so ist, dann wäre Bialiks Schweigen zwar nicht sein schönstes, aber sein wahrstes Lied. Die Bibel als Quelle für Folkloristik. Von Dr. Armin Blau, Hamburg. Die Folkloristik (Volkssagenkunde) ist eine verhältnismässig junge Wissenschaft. Der Kreis ihrer vergleichenden Betrachtungsweise umfasst alles, was mit Einrichtungen, Sitten und Gebrauchen, Literatur, Glauben und Aberglauben eines Volkes zusammenhängt, soweit es nicht auf das Genie eines bestimmten einzelnen Mannes oder Staates unmittelbar ursächlich zurückgeführt werden kann, sondern sich nur als vom Volksgeist unbewusst geschaffen uns darstellt. Ihre Aufgabe ist, diese mannigfachen, scheinbar irrationalen, scheinbar kindlichen, ja zuweilen absurden Einrichtungen und Volkssitten auf bestimmte leitende Ideen zurückzuführen; sie soll zeigen, wie überall und allezeit die Völker, zeitlich und räumlich oft unabhängig voneinander, dasselbe gedacht und in derselben Weise sich manifestiert haben. Insbesondere handelt es sich darum, und darin besteht der Hauptreiz dieser jungen Wissenschaft, mit Hilfe psychologischer Gesetze und Gegebenheiten in den Riten und Religionsformen der scheinbar kultiviertesten Völker gewisse Spuren primitiver Denkformen zu entdecken, wie sie noch heute unter den wilden Stämmen Afrikas,