Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 257 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Chajim Nachman ^ialik als Jude. 257 Ehren muss er die Halacha wohl mehr; selten ist von dieser ״didaktischen Kunst“, die ״sich an die Gesamtheit richtet“, Wahreres gesagt worden als in Bialiks Wort: ״Das Gesetz ist keine Negierung des Gefühls, sondern seine Bewältigung.“ Selten auch sind einzelne Gesetzbestimmungen mit solcher Einfühlung erklärt worden, selten ward das ״Willkürjudentum״, das ״Renaissancegeschwätz״, der ״Ruf nach Romanen״ so abgestraft wie hier. Und trotzdem — keine Rückkehr zum Schulchan-Aruch, sondern nur Gesetzlichkeit als Prinzip. Der Aufsatz schliesst mit dem Rufe nach dem Gesetzgeber und mit der Frage, ob und wann er kommen werde, wie der ״Mathmid״ mit der sehr dünnen Hoffnung endet, den gewaltigen Seelenkräften des Talmud einen Weg des Lichtes und der Zukunft zu bahnen. Aber dieser Glaube ist schwach. Vielleicht jedoch verrät auch hier wieder die Sprache mehr, als die Ideologie verbergen kann: Bialik gebraucht in merkwürdiger Uebereinstimmung zweimal ganz das gleiche Bild bei sehr verschiedenen Gegenständen. Die Entstehung des Wortes versinnbildlicht er als die Eisschollen über den chaotischen Wassern des Michts, und Halacha nennt er gefrorene Haggada, die Haggada aufgetaute Halacha, um die einheitliche Substanz beider darzutun. Darf man sagen, Bialik sei Halachist, aber er fühle zu lebendig die Wasser unter dem Eis, um es im Leben zu sein? Nun — unsere grossen Gesetzgeber haben die Wasser auch gefühlt und mit ihrer Hilfe den Weg des Lebens geschaffen. Sie gaben uns jenes System, das auf jeden Augenblick des menschlichen Lebens Gottes Siegel drückt und so die Zweiteilung der Welt immer neu überwindet. Das Gesetz ward zum Korrelat des Monotheismus: der höchste Ausdruck der Einheit, deren ein menschliches Dasein überhaupt fähig ist. Diesen Weg zu gehen, ist Bialik versagt geblieben. Aber wir glauben, dass er ihn sieht. Und aus dieser Tragik vor allem mag wohl jene Entscheidung ihre tiefsten Wurzeln leiten, die alle Freunde seiner Dichtkunst so lange schon erschreckt: sein langes und hartnäckiges Schweigen als Dichter. Im 3