Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 256 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Chajim. Nachman Bialik als Jude Schätze der hebräischen Literatur, insbesondere der Haggada, so zu sammeln, dass sie Besitztum des ganzen Volkes werden, und durch Uebersetzung fremder Klassiker eine hebräische Weltliteratur zu schaffen, gehört durchaus in diesen Zusammenhang, weil es den Dichter in der Haltung der Vorbereitung zeigt, die um so typischer für ihn ist, je älter er wird. Er hat dies Programm zum grossen Teil selber ausgeführt: sein ״Buch der Haggada“, eine dreibändige Anthologie, hat in die weitesten Volkskreise wieder Kenntnisse des Midrasch und von Teilen des Talmuds getragen; seine Neuausgabe von Gabirols Gedichten ist die erste umfassende Sammlung von dessen Gedichtwerk, seine Uebersetzungen des ״Teil“ und des ״Don Quichote“ fügten zwei Werke der Weltliteratur dem hebräischen Sprachgebiete ein. Und all dies geschieht nicht zufällig, sondern unter einem systematischen Gesichtspunkte: dem der ״Chathima“, einer unerhörten, typisch-jüdischen Institution, gleichsam einer Halacha der Literatur, die von Zeit zu Zeit das Alte, Abgestorbene aus der Bücherfülle aussondert, und das Lebensfähige kanonisiert. Bialik hält eine solche Bücher-Halacha, ein derartiges ״Stirb und Werde“, für eine der wesentlichsten Aufgaben dieser jüdischen Generation. Die Anthologie bedeutet ihm gleichsam im Chaos des Buches dasselbe wie das Wort im Chaos der Existenz: Bedeckung des Abgrundes, Verfestigung, Grundlegung der Lebensmöglichkeit. Sprachlich: ein ״hebräisch-hebräisches Wörterbuch“, das jeden neu einzuführenden Begriff durch die auf ihn hinfürende Gedichte seines Wortes erklärt, inhaltlich: ״Chathima des neuen jüdischen Kanons“ — dies ist sein Programm zur Ausschöpfung unserer grossen und reichen Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft. Merkwürdig ist nun, dass in diesem, seiner Form und seiner Methode nach, durchaus halachischen Programm das Werk der alten jüdischen Halacha, das Gesetz völlig unberücksichtigt bleibt; besonders merkwürdig, wenn wir aus Bialiks Meisteraufsatz ״Halacha und Haggada“ sehen, welchen Rang er der Halacha gegenüber seiner geliebten Haggada einräumt.