Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 254 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Chajim Nachman Bialik als Jade der Fasttag der Gemeinde mit manchmal unschönen Mitteln verspottet wird, ist doch gerade dieses Gedicht vom wahren lebendigen Geist der jüdischen Fasttage getragen, vom Geiste der Anklage gegen das Volk, die sich selber einschliesst und also zum Sündenbekenntnis wird. So lässt ihn unsere religiöse Tradition nicht los; ja sie hält ihn gerade in den Augenblicken besonders fest, wo er sich im schärfsten Protest befindet. Man darf an Hiob denken: nichts erweist die Lebendigkeit eines Gottesglaubens stärker als die Kraft, mit Gott zu zürnen. Die Aufrichtigkeit einer solchen Rebellion, die Hiob religiös vor seinen schmeichlerischen Freunden auszeichnet, ist Bialik im hohen Masse eigen, sie ist eine seiner ausgezeichnetesten und liebenswertesten Eigenschaften. Gott soll nicht mehr warten, seine Gerechtigkeit soll sofort erscheinen, die Frevler strafen, Israel retten, sonst — ist nicht etwa der Glaube an seiner Existenz dahin, aber der Weg zu ihm verloren, falls nicht etwa ein Weg des Himmelsstürmens, der Gottes Thron zerstört, als einziger übrig bleibt. Bei all dem aber ist Bialik keineswegs Reformer. Die einzig wahre Gottesherrrlichkeit wohnt allein im Lehrhaus, dem ״Beth ha Midrasch״, und mit ihm verlässt sie diese Erde. Er kennt nicht, gleich dem Liberalismus, sozusagen eine neue ״Schechina“ — und gerade deshalb ist seine Verzweiflung so tief. Das Lehrhaus bleibt das ״Haus unseres Lebens״ und ״der Schatz unserer Seele״, obwohl seine Hinfälligkeit, Resthaftigkeit, Unwiederbringlichkeit, seine Schwäche und sein Elend sehr realistisch geschildert werden. Aber gerade dieses Leid wird als Träger der Tradition bewertet: in paradoxem Bilde hat der Tränenstrom Israels den letzten geretteten Funken getragen. Ungeheuerer Respekt vor der Vergangenheit, den Geopferten, den Leidenden, überhaupt: Liebe und Achtung vor dem jüdischen Volke, trotz allen Zornes. Und doch: trotz des Befehls zum Leben und der Verpflichtung für die Ewigkeit, mit dem eines dieser Gedichte schliesst, sieht der Dichter die Tradition als unwiderbringlich verlorene Vergangenheit an, nicht als wirkende Gegenwart und verbürgte Zukunft.