Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 253 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Chajim Nachman pialik als Jude 253 seine Stimmungen: die Verachtung des Hausierer Volkes, dessen Träume noch nach Knoblauch riechen, die Einsicht in die Kehr• Seite des Wunders (das immer unfrei macht) und der Mut des neuen Tages. Aber hier ist doch noch mehr: am Schluss steht ein plötzliches Schweigen. Der Tatenrausch verstummt, und das Volk beugt sich noch einmal vor dem toten Führer: vor Moses. Man fühlt: sein Galuth, seine Wüste, seine Gottesnähe waren doch grösser als all unsere Zukunft. Mit der Achtung vor der Tradition schliesst das zionistische Lied. Dies bezeugt, dass Bialik nicht der Tradition selber die Schuld am Zustande der ostjüdischen Massen gibt, sondern teilweise ihrem Missverständnis und zum anderen Teile den äusseren Lebensumständen und den Feinden Israels, die es immer wieder erniedrigten. Es gibt zwei mögliche Stellungnahmen zu unseren Verfolgern, und beide sind in unseren ״Katechismus״ eingegangen, beide haben im jüdischen Jahre ihre Ausprägung erhalten: Purim und Tischoh b’Aw. Purim: das Fest des nationalen Ressentiments, ein Tag des Jahres, an dem die Erbitterung des Verfolgten und Misshandelten laut wird. Und Tischoh b’aw, sehr viel wichtiger und charakteristischer, der Tag der Tempelzerstörung, der nicht etwa eine Anklage gegen die Feinde, sondern Klage über unsere eigenen Sünden in den Mittelpunkt stellt. Dies ist vielleicht die grossartigste Tat unserer Galuthgeschichte; sie vor allem hat uns vor dem zerfressenden Gift des Ressentiments bewahrt: durch dies Sündenbekenntnis haben wir die Zerstörung des Tempels und die Vertreibung aus dem Lande in unsere Aktivgeschichte ein gegliedert: nicht die Römer machten uns heimatlos, sondern wrir selbst, dadurch, dass wir Gottes Gebote nicht hielten. In Bialiks nationalen Liedern lebt beides: Purim und Tischoh b’Aw. Nach den Pogromen hat seine Stimme in den ״Liedern des Zornes0 gegen die ״Henker“ gedonnert — in unbekümmertem Hass gegen die blutgierigen Schlächter. Aber zu gleicher Zeit fand er auch die grössere Kraft und das freiere Wort. Obwohl in seiner ״Stadt des Mordes“,