Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 252 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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252 Chajim Nachman Bialik als Jade Die eigentliche religiöse Gefahr des Zionismus aber ist die Möglichkeit pseudomessianischer Ueber- Steigerung. Wenn er sich für die Erlösung hält, wird er für die kommende ebenso wenig tun können als Sabattai Zwi. Betrachtet er aber sein Werk als ein irdisches, das mit Gottes Hilfe einen Anfang bedeuten kann, dann hat er — neben den sozialen und nationalen Verdiensten — auch eine grosse religiöse Möglichkeit: als einzige Bewegung, die mit der heutigen geistigen Krise des jüdischen Volkes rechnet und keine Lösung für diese parat hält, kann er unser Bewusstsein für die Kluft zwischen Leben und Lehre aufreissen, in der wir stehen. Bei Bialik ist beides zu finden: Gefahr und Segen. Die Gesinnung: es ist genug gewartet, ich will die Leiden nicht mehr lieben — diese gefährliche Gesinnung, die ,,das Ende bedrängt“, klingt durch viele Gedichte. Manchmal scheint er voll messianiseher Sehnsucht, aber auch ohne messianische Geduld — und eben dies ist ja die Mischung, die alle pseudomessianischen Bewegungen definiert. Dann aber wieder — und es sind die eigentlichen zwischen diesen Liedern — findet״ sich die unendliche Bescheidenheit des Beginnens, der ermunternde Zuruf an die Träger des ersten, kleinen Werkes und sogar ausdrückliche Ablehnung chiliastischer Schwärmerei. Das Gedicht zum Andenken an den ersten Zionisten-Kongress z. B. hat eine wunderbar menschliche Haltung; Bialik empfand sich nicht wie Achad Haam als ״ein Trauernder unter Hochzeitsgästen“, sondern als ein brüderlich mit den Brüdern Trauernder. Denn er rühmt in diesen Versen nicht die nationale Errungenschaft, sondern die Träne, die gesammelte heilige Träne des Volkes, die hier ein neues Gefäss gefunden habe. Kein Erlösungsrausch — nur die schlichte Gewissheit des Lebens und Leidens erfüllt hier den Dichter. Ja, noch mehr: in den ״Letzten Toten der Wüste״ stellt Bialik das neue Geschlecht der Tat und das alte der Wüsten- Wanderung einander gegenüber, unter dem Bilde Josuas, der sein Volk zum Einmarsch nach Kanaan sammelt und von den 600000 Toten verächtlichen Abschied nimmt. Hier sind alle