Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 251 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Chajim Nachmän Bialik als Jude 251 ausser Frage — nicht jedoch eine lebendige Beziehung zu Palästina. Bekanntlich gibt es grosse und einflussreiche Parteien, auch bürgerliche, aber vor allem proletarische, die eine endgültige Lösung der Judenfrage in den Galuthländern für möglich halten und Palästina sogar als Zwischenlösung verwerfen. Bialik hingegen war, schon aus seiner leidenschaftlichen und affektvoll übertriebenen Galuthverneinung heraus, Zionist noch vor dem politischem Zionismus. Eines seiner frühesten und berühmtesten Gedichte ״An den Vogel“, das er im Jahre 1891, mit 19 Jahren schrieb, atmet eine ziemlich naive und ungebrochene Zionsfreude und eben solches Galuthleid. Es ist bezeichnend, dass seine Worte einem Vogel gelten, der aus Palästina Grüsse von den ersten arbeitenden Landwirten bringt und die Klagen des Dichters zurücktragen soll: der Vogel ist hier zugleich ein Symbol der Natur und zeigt die gemeinsame Quelle des Naturerwachens und der nationalen Selbsbesinnung. In anderen Gedichten dieser Art wird das noch viel deutlicher: Sonne und Licht werden geradezu Symbole der nationalen Wiedergebürt, eine Art Sonnenkult — ״Gib Licht, Herr des Lichtes, gib Licht“! — erscheint in Verbindung mit der neuen Bewegung* deren Sonnenaufgang und frühen Morgen Bialiks Generation erleben durfte. Ganz wie seine Natur- und Liebeslieder vom Licht als dem Gegensatz des gewohnten Lebensd u n k e 18 zeugen, so auch seine nationalen Gesänge. Unter ihnen befinden sich Bialiks bedenklichste und schönste Gedichte. Die bedenklichsten: denn manchmal will es scheinen, als sei Gott zu einem Nationalgott herabgedrückt und gleichsam aus dem ״Ewigen, unser Gott“ nur ״unser Gott“ geworden. Ja noch mehr: gelegentlich drängt sich der Verdacht auf, dass sein Name nur als M e 1 i z a, nur redensartlich verwendet sei, wie häufig in hebräischen Gedichten, die ihren Sprachschatz immer noch aus der vorwiegend religiösen Literatur nehmen müssen, selbst wenn sie den Inhalt profanisieren wollen. Das ist dann sicher schlimmerer Missbrauch als redlicher Atheismus — und er trifft auch nur auf ganz wenige der Bialikschen Gedichte zu, und auch auf die3e nicht mit voller Sicherheit.