Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 249 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Chajim Nachman Bialik als Jude 249 Stumpen, in Tön gesteckt; der Vater macht deu Segensspruch über das Brot — aber es ist ein elender, schwarzer Stumpen, den er mit stumpfen Messer setmeidet. Man singt Sabbathlieder — aber aus einem Magen, der vor Hunger knurrt. Ganz dieselbe Entsentimentalisierung geschieht unterBialiks Händen dem Martyrium. In einem seiner berühmten Pogromgedichte (nach Kischinew) schildert er, neben den Untaten der Feinde, die Juden selber: ihre Feigheit und die Schmutzlöcher, in denen sie sich verkriechen; er häuft bittere Ironie auf diese ״Heiligen“ — terminus technicus für ״Märtyrer“ — die zusahen, wie ihre Frauen geschändet wurden und dann, falls sie Kohanim sind und also den besonderen priesterlichen Reinheitsgesetzen unterstehen, sich beim Raw Dach den halachischen Konsequenzen der Vorgänge erkundigen, zu deren Verhinderung sie nichts getan haben. Und selbst Tod und Wunden verklären hier nichts: tote Bettler bleiben Bettler, wunde Knechte werden noch knechtischer und beginnen gleich am nächsten Morgen mit ihren Körpermalen Schacher zu treiben — auch diese Auffassung ist durchaus neu: Zunz und mit ihm die ״Wissenschaft vom Judentum“, liess noch ״Literaturgeschichte und Martyriologie“ die jüdische Geschichte zusammensetzen — hier nun beginnt ein kritischer Realismus die nationale Romantik rücksichtslos zu zersetzen. Wie Achad Haam, Bialiks grosser Lehrmeister, die romantischen Bestandteile im Zionismus zu zerstören nicht müde ward, 80 Bialik die des Galutb. Beide sind Erzieher zur Wirklichkeit. Was ist es nun, das diesen Zorn gegen das eigene Volk erregt? Man kann mit keiner einzelnen Eigenschaft antworten, sondern nur die Summierung der Ghettoeigenschaften nennen. Besonders einen Typ, der von vielen ostjüdischen Schriftstellern mit besonders liebevoller Ironie behandelt wird, schildert Bialik mit besonderer Bitterkeit: den Batlan. Dieser Luftmensch, berufslos, ohne Eingliederung, meistens dem Lernen eifrig ergeben, von gelegentlichen Gaben kärglich lebend, gelegentliche Dienste leistend, immer im Schwebezustand, nie wahrhaft zu Hause, nie in Sicherheit, Raum und Zeit als feindliehe Mächte um sich — ist so recht ein Sinnbild des ostjüdischen