Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 246 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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246 Chajim Nachm an Bialik als Jude Chajim Nachman Bialik als Jude. (Aus einer grösseren Arbeit über den Dichter.) Von Dr. Ernst Simon, Frankfurt a. M. (Schluss.) JUDENTUM: Wie tief Bialik trotz aller praktischen Entfernung vom Gesetz dem traditionellen Judentum verknüpft blieb, ergibt sich schon aus einer Tatsache, die auf den ersten Blick äusserlich erscheinen mag, aber von hoher Bedeutung ist: aus den Abfassungzeiten seiner Gedichte. Samson Raphael Hirsch hat einmal sehr fein bemerkt, dass der Kalender der Katechismus der Juden sei, und in der Tat ist die überzeitliche Gegenwärtigkeit der Geschiehts- Feste, die Gleichzeitigkeit aller Elemente unseres religiösen Lebens, für den Juden dasselbe, was für den Christen die Ewigkeit und Heutigkeit seiner Dogmen ist. Diese Lebendigkeit des jüdischen Jahres prägt sich in Bialiks Dichtung deutlich aus: seine ״Feuerrolle״, die vom Falle Jerusalems ausgeht, ist im Monat der Zerstörung, im Aw, geschrieben; ein herrliches Lied auf Moses am 7. Adar, seinem traditionellen Geburts- und Todestage, das Friedhofsgedicht, das wir vorhin zitierten, entstand im ernsten Monat E 1 u 1, eine Klage über das verlassene Lehrhaus, in dem der Dichter als Letzter und schon Unwilliger zurückgeblieben ist, im anderen Trauermonat, dem T a m m u s. Dass Bialik derartige Zusammenhänge selber sieht und bewertet, wird durch die Tatsache bewiesen, dass er in diesen Fällen den Monat dem Entstehungsdatum hinzusetzt, während er sonst meist nur das Jahr angibt. Er lebt also noch im jüdischen Jahr, sicherlich mehr als mancher westliche Orthodoxe: im Aw wird ihm wirklich noch das Heiligtum zerstört, und im Tammus beginnt ihm leibhaftig sein Zerfall. Umso ernster wird, insbesondere für den gesetzestreuen Juden, die Frage, was diesen tief im alten Judentum Verwurzelten