Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 163 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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Vorfragen der Religionsphilosophie. 163 gefärbte Wendungen der Aggadah sind oft mehr als ein grobes, verzerrtes Bild, wenn man nicht jede speziell metaphysische Lehre von vornherein ablehnt oder ins Wesenlose verflüchtigt. Wenn die Aggadah z. B. Gott mit den Menschen leiden lässt, so ist das, besonders in der sehr anschaulichen Bildform, die gewählt wird, gewiss Anthropomorphismus und darf nicht buchstäblich genommen werden. Aber wofern man auf Grund streng philosophischer Ueberlegungen zu der Auffassung gelangt, das menschliche Individuum nicht als völlig isoliert gelten, sondern es einem Ueber־Ich, Gott, in irgend einer Form zugehörig sein zu lassen (vielleicht bedeutet die Phase des irdischen Lebens eine relativ weitgehende Unabhängigkeit), bedeutet das Bild doch eben mehr als nur Verzerrung und bringt jedenfalls den Gedanken zur Konkretisierung, dass ein unauflösliches Band Schöpfer und Geschöpfe umschlingt4). Gott leidet mit seinen Geschöpfen fast unmitteblar. 2. Die Religionsphilosophie strebt über die Wissenschaft hinaus, indem sie nicht kalt und knapp, sondern mit grösster innerer Bewegung und Hingebung sowie auch extensiv alle Möglichkeiten erschöpft, die in und über der Philosophie dem Gottesproblem und verwandten Fragen verbleiben. Die Religions- Philosophie soll auch bemüht sein, noch weit mehr als etwa die Geschichtsphilosophie den Sinn des historischen und des Naturgeschehens zu suchen, Zusammenhang und Bedeutung zu erspähen und mit ethischen Gedanken zu durchsetzen. Sie ist, nicht methodisch, aber hinsichtlich des Niveaus der Problematik, derjenigen der strengen Wissenschaft überlegen; dafür wird jener allerdings das Schicksal zuteil, von dieser dann und wann getadelt und richtig gestellt zu werden. Weil die Wissenschaft und die Religionsphilosophie jeweils provisorisch sind, darf letztere in jedem Fall, unter den notwendigen Kautelen, metaphysische Anstrengungen machen. — Und noch ein Gesichtspunkt darf 4) So darf denn ein Satz wie der des R. Schimon b. Jochai: בא וראה במה חביבין ישראל לפגי הקב״ה, שבבל מקום שגלו שכיבה עמהס ובו׳ (Megillah 29 a), oder Wendungen wie הקב״ה בוכה gedeutet wurden.