Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 158 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Chajim Nachman Bialik als Jude. Und er hat auf der anderen Seite Goethes ״Ich singe, wie der Vogel singt״, ebenso ausdrücklich abgelehnt. Man kann vielleicht sagen, dass der autobiographische Ernst bei dem Goetheschen Typ zugunsten der objektiven Gestalt zurücktritt. ״Gelegenheitsgedichte״ und ״Bruchstücke einer grossen Konfession״ sind eben doch etwas anders als die unmittelbaren Eruptionen der Leidenschaft, die — ob sie nun durch die heisse Asche der Ironie hindurch oder ganz unbedeckt glimmen — viel unmittel־ barer von dem menschlichen Vulkan zeugen, dem sie entstammen. Goethe ist in diesem Sinne Dramatiker, und bliebe es, wenn er nie ein Drama geschrieben hätte; seine Leiden und Freuden zeugen nicht nur Lieder, sondern Gestalten, ja: Leben und Tod. Goethe blieb leben, und Werther starb, wie man oft bemerkt hat — und diesem Werther starben lebendige Menschen nach. Heine und B i a 1 i k sind durchaus U n - dramatiker; sie verkennen ihre eigenste Kraft, wenn sie Dramen schreiben (wie Heine) oder eine jüdische Dramatik empfehlen (wie Bialik in den Essays). Denn nicht zufällig wohl fehlt dem Judentum das grosse Drama, wie ihm seit jeher die Plastik fehlte: es widerspricht mit seinem Innersten jedem Versuch der Kunst, Gott gleich, einen Mikrokosmos zu schaffen, der als Gestalt, rund und frei im Raum, auch ohne den sichtbaren Schöpfer, für sich besteht. Die Theaterfigur und die Plastik sind darin gleich — und auf der anderen Seite gehören die meiste Epik und jene Lyrik zusammen, die aus dem ״Felsen des Herzens gehauen“ ist und nicht frei aus der Kehle dringt, wie das Lied des Vogels. Dies Lied ״lohnt“ nicht, es befreit ein wenig, aber vor allem: kündet es. Es schafft keine neue Gestalt, aber es ist ein lebendiges Wort des Menschen, der es singt. Gerade das, was die zünftige Literarkritik am meisten an Heine getadelt hat: er habe nie einen runden Menschen ״geschaffen“, bringt ihn hier in Bialiks unmittelbare Nähe und in den Bezirk spezifisch jüdischer Kunst. Dieser autobiographische Ernst, dieser bekennerische Ernst muss nun durchaus nicht auf die sogenannte ״Seele“ gehen. Die ״Seele“ hat ja im Judentum eigentlich erst mit dem Sohar und