Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 157 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2293042-2293045--08211-2301493- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Chajim Nachman Bialik als Jude. 157 unbestritten ein hohes Gut, diese Welt kein ״Jammertal“, sondern der Ort des göttlichen Reiches. Deshalb kannte der ungebrochene Traditionsjude weder Leben3verachtung noch Todes- Sehnsucht. Unsere Märtyrer sind gestorben, wenn es sein musste, aber der Talmud selbst hat die Fälle, in denen man opfern soll und darf, auf drei eingeschränkt: zu Götzendienst, Unzucht und Blutvergiessen darf sich der Jude nicht zwingen lassen, sondern muss sein Leben hergeben. Sonst aber — falls nicht gerade der Bedrücker durch eine Bestimmung das ganze Judentum treffen will — ist Ahasver zum Leben verurteilt und nicht zum Tode begnadigt. Lebenstapferkeit ist also ein unentbehrliches Element jüdischer Frömmigkeit. Bialiks Rebellion lässt ihn auch hier abweichen: Statt in jedem Augenblick tausende Tode zu sterben, wünscht er sich manchmal den einen, schnellen, und lässt sich von den Bäumen des Friedhofs den pantheistischen Tr03t zuflüstern: In allem lebst Du, wohin auch Verlorener; Komm zu uns, komm zu uns, Du Staubgeborener! Diese Verse hat ein 27 jähriger geschrieben, und ähnliche schon der 19 jährige. Eine der Folgen solcher Todessehnsucht ist eine Lebensangst, die sich in Furcht vor dem Nachlassen der dichterischen Produktivität umsetzt: der Quelle tröpfelt nur noch wie eine Wunde. Sein Lied und seine Kunst, die aus der Wehmut geboren sind, drohen an der Wehmut auch zu sterben. Wenn Heine und Goethe zwei Typen grosser autobiographischer Lyrik sind, dann hat sich B i a 1 i k eindeutig für den Heineschen Typ entschieden. Er hat das Bekenntnis ״Aus meinen grossen Leiden Mach ich die kleinen Lieder“ ausdrücklich für sich aufgenommen: ״Unterm Hammer meiner grossen Leiden — Dass mein Herz, Burg meiner Kraft, zersprang — Flog ein Funke, stob in meine Augen, Und von da — in meinen Sang.“ 4