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Jeschurun · 1926-03-01 · Heft 3-4 (März 1926) · p. Seite 156

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
13 (1926)
Issue
Heft 3-4 (März 1926)
Date
1926-03-01
Page
Seite 156 (sequence 48)
Language
German
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156 Chajim Nachman Bialik als Jude. erst dann, wenn der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis des heute gelebten traditionellen Judentums in diesem Bezirk offenbar wird. Die empirische Entwickelung hat — insbesondere im Osten ״ dazu geführt, dass Thora und Leben contradiktorisch einander entgegengesetzte Begriffe und Wirklichkeiten geworden sind. Während es in der Absicht des Gesetzes lag und liegt, das ganze Leben zu umfassen, kam es dahin, dass zwar das ganze Leben ״gelernt״ wurde, aber nur für einen kleinen Ausschnitt des Lebens Kraft und Zeit blieb ihn wirklich zu leben. Die Verfälschung, der hier zweifellos die ursprünglich antiasketische Absicht des jüdischen Gesetzes unterlegen ist, führte zum Haskala-Konflikt und auch zu Bialiks Stellungnahme. Den eigentümlichsten Ausdruck für diesen inneren Widerspruch hat das ostjüdische Leben in der Gestalt des ״Porusch״ gefunden, jenes Jünglings, der auf der einen £eite die religiöse Verpflichtung, früh zu heiraten, erfüllt hat — der sich dann aber für Jahre von seiner Frau trennt, um ungestört dem ״Lernen״ zu leben. Es gibt im Osten zwei grosse Jesehiwoth, die nur von solchen ״Peruschim״ besucht werden, und auf jeder, auch auf den von Bialik besuchten und besungenen, findet sich der eine oder der andere. Und der Dichter selber kann, im übertragenen Sinne, als ein solcher ״Porusch“ angesprochen werden, in dem die Pflicht des Lebensbejahung und der Schwung zur Askese einen unentschiedenen Kampf durchfechten. Seine Früchte sind Bialiks Liebeslieder. Eins freilich unterscheidet jede Form gelebter jüdischer Askese von der Askese als Theorie und Weltanschauung: der Jude sperrt sich nicht aus Prinzip gegen die Welt ab, sondern als Folge und manchmal als Voraussetzung de3 Thora- 1 e r n e n s. Seine Askese ist nicht Selbstzweck; sie ist lediglich Mittel. — Nicht den verurteilt die Mischna (in den ״Sprüchen der Väter“), der überhaupt sagt: ״Wie schön ist dieser Baum!״, sondern nur den, der ״sein Lernen unterbricht״, um einen solchen Ausspruch zu tun. (Dieser von der Haskala scharf angegriffene Satz fand übrigens — nach dem Vorgang Achad Haams ־— gerade in B i a 1 i k einen warmherzigen Verteidiger.) Das Leben ist

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